Freitag, 5. Oktober 2012

[INTERVIEW] Franklin über Stefanie Maucher


Stefanie Maucher

Heutiger Interviewpartner ist Franklin, der Protagonist des nach ihm benannten Romans „Franklin Gothic Medium“ von Stefanie Maucher. Erhältlich ist er bei Amazon, sowohl als Taschenbuch wie auch als Ebook. Franklin ist Feinschmecker, Meisterkoch und Menschenliebhaber, nicht abgeneigt gegenüber fleischlichen Genüssen. Er kann sich überhaupt nicht entscheiden, welche Teile seiner Mitmenschen er am liebsten mag. Ein Mann mit Herz – unzählige davon lagert er in seinen mannshohen Kühlschränken. Er liebt klassische Musik und Kerzenlicht ebenso wie die Schreie seiner Opfer. Besonders, wenn sie sich langsam dem hohen C nähern. Selbst sieht er sich als toleranten Menschen, neu- und wissbegierig, aufgeschlossen und innovativ. Doch schneidet er sich lieber eine Scheibe von anderen ab, als von sich selbst. Wir treffen den Protagonisten an der Haustür und obwohl er uns nicht einlassen möchte, erklärt er sich bereit, uns ein paar Fragen zu beantworten. „Aber nur“, sagt er, während er einen ängstlich wirkenden Blick über die Schulter wirft, “wenn es schnell geht.“

1. Stell uns Stefanie Maucher doch erst einmal kurz vor.
Stefanie Maucher ist, im Vergleich zu mir, eine relativ unspektakuläre und geschmacklose Person. Sie schreibt Bücher – frei erfundene Thriller und Horrorgeschichten, die keinesfalls als so weltverändernd betrachtet werden können wie das kannibalische Kochbuch, an dem ich momentan arbeite. Auch in der Küche reichen ihre Leistungen nicht an die meinen heran. Sie ist 36, noch zart genug, um die Geschmacksknospen zu reizen und auch für das Auge, das bekanntlich mitisst, ist sie ein Schmaus. Ich könnte sie mir gut mit einer Rotweinsauce und ein paar Knödeln vorstellen.

2. Was denkst du über Stefanie, wie findest du sie? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihr findest, wofür du sie beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?
Ich selbst bin nicht mehr der Jüngste, leide unter kreisrundem Haarausfall, dementsprechend neide ich ihr das volle, hüftlange Haar. Und obwohl ich ihre direkte, unverblümte und unkonventionelle Art einerseits mag und Respekt für ihre Art mit Worten zu spielen empfinde – nicht zuletzt, weil sie mir Leben einhauchten – wünschte ich mir des Öfteren, ihr Mundwerk ließe sich leichter zügeln. Sie hat einen ganz schönen Dickkopf und versucht meistens, diesen auch durchzusetzen. Das macht das Leben mit ihr nicht immer unbedingt einfach.

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihr, was tut sie, wenn sie nicht schreibt?
Sie meinen, außer mir ständig damit in den Ohren zu liegen, dass ich mich nicht gut genug verkaufe? Nun, noch hat sie ihren Job nicht aufgegeben. Und natürlich kümmert sie sich auch um ihre Familie. Nicht auszudenken, was ihre zwei pubertierenden Töchter ohne ihre strenge mütterliche Hand täten. Vermutlich gar nichts. Mit ihrem Partner teilt sie ihre Leidenschaft für Filme, Musik und Literatur, was ihr einen Ausgleich zum Alltag zu bieten scheint. Ich würde noch mehr ins Detail gehen, aber sie möchten nicht wirklich wissen, wie Frau Maucher klingt, wenn sie unter der Dusche singt. Glauben Sie mir!

4. Hat sie ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?
Künstlerisches Vorbild träfe es wohl eher. Stefanie wäre gern ebenso reich wie Dali, vor allem, um sich seine Exzentrik leisten zu können. So malen können wie er würde sie auch gern. Ich mag ja die Bilder von Rubens lieber – da ist mehr Fleisch dran. Ansonsten bewundert sie die innere Heiterkeit des Dalai Lamas und die kreative Schreibweise von Mark Z. Danielewski. Und auch wenn sie es nie so direkt geäußert hat, bin ich mir sicher, sie bewundert meine Kochkunst - denn wer tut das nicht?

5. Gibt es Rituale, die Stefanie beim Schreiben anwendet? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?
Nein, nicht wirklich, Stefanie ist da flexibel. Muss sie auch sein, denn vollkommene Stille herrscht hier nur selten. Sie wissen schon, das Schreien der Opfer, das Winseln, das Flehen… Manchmal hört sie Musik dazu, manchmal auch nicht. Und was gespielt wird, das scheint bei ihr von der Laune abhängig zu sein. Mal ist es Bachs „Air on a G-String“, was ich sehr genieße, dann wieder neumodischer Kram, der mir die Zehennägel aufrollt. Ihr Geschmack ist da breit gefächert. Oft vergisst sie das Essen dabei völlig und muss zum Kochen genötigt werden. Wenn es nach ihr ginge, würde sie nachts leben und schreiben und sich dabei ausschließlich von Red Bull ernähren.

6. Wie hast du sie kennengelernt?
Eigentlich durch puren Zufall. Ihr Lebensgefährte war daran nicht ganz unbeteiligt. Er hinterließ ihr, bevor er für längere Zeit ins Krankenhaus musste, einen Gedankenfetzen, den er in einem Word-Dokument hinterlegte. Den spann sie weiter, begann in einer einsamen Minute einfach drauf los zu schreiben, ohne wirkliches Ziel. Diese Planlosigkeit habe ich erkannt und mir zu Nutze gemacht, die Geschichte infiltriert und zu meiner eigenen gemacht. Und wissen Sie, was am komischsten daran ist? Stefanie glaubt wirklich, sie wäre ihr ganz allein eingefallen.

7. Weißt du, ob es bei ihr immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen?
Unsere Beziehung ist da schon einzigartig. Ihr nächstes Buch „Kalte Berechnung“ ist zwar sehr spannend, man meint förmlich, im Kopf der Protagonistin zu stecken, aber sie so zu überrumpeln, das gelang nur mir. Seit sie meine Geschichte niederschrieb, hat Stefanie sich weiterentwickelt. Geht nun viel professioneller und geplanter an die Sache heran. Davon kann man nun halten, was man möchte. Sie hat sich ein neues Thema gesucht und war erfolgreich bei der Verlagssuche. Sie sagt, Geschichten mit Moral verkaufen sich besser und was ich machen würde, wäre vielen Menschen einfach zu extrem und zu ekelhaft. Dabei haben die noch nicht mal probiert.
[Anmerkung der Redaktion: Der Protagonist zieht einen kindischen Schmollmund und verschränkt bockig die Arme.]

8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Stefanie so besonders?
[Anm. der Red.: Franklin lacht dreckig, bevor er antwortet.] Den Ersten vergisst man nie!
Als ihre erste Romanfigur habe ich natürlich einen besonderen Platz in ihrem Herzen. Ich war ihr Experiment, sich vollkommen in einen Charakter hineinzudenken, der keineswegs der Norm entspricht, sich dabei aber ganz normal fühlt. Sich streckenweise sogar selbst dann als äußerst human und mitfühlend empfindet, wenn er etwas eigentlich Grausames tut. Ein Protagonist, der seinen eigenen Vorstellungen von Gut und Böse folgt, ein ganz eigenes Weltbild hat und den bei seinen Taten auch nicht mehr Gewissensbisse plagen, als einen Bauern, der Nutzvieh hält, von seiner artgerechten Tierhaltung überzeugt ist und es am Ende schlachtet. Stefanie selbst ist und isst überhaupt nicht so, weshalb mein Charakter, so wie sie ihn beschrieben hat, schon etwas Besonderes für sie darstellt.

9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Stefanie bereit? Wie sieht der momentane Stand ihrer Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?
Im Juli hat Stefanie ihr erstes Verlagswerk veröffentlicht, welches sie fälschlicherweise, denn schließlich war ich zuerst da,  als ihr „eigentliches Debut“ bezeichnet. Beim dotbooks-Verlag. Mit Lektorat. Und die Kritiken sind ganz toll. „Ein super Einstieg als Newcomer-Autorin“ wär das, hat sie sich sagen lassen. Ich bin da ganz anderer Meinung. Ich mag das Buch nicht. Keine Rezepte, keine Ratschläge zur Haltung, kein literarischer Wert, wenn Sie mich fragen. Setzt nur auf Spannung und darauf, den Leser atemlos zurückzulassen, danach hechelnd, noch mehr von ihr lesen zu dürfen. Reine Effekthascherei! Aber sie hat sich an der Idee festgebissen, meint auf dem richtigen Weg zu sein und schreibt nun an einem Roman, wieder für den dotbooks-Verlag. Soll noch spannender und länger werden, als das letzte Buch, sagt sie, wenn sie mal flüchtig aufblickt und mich überhaupt beachtet.

10. Ein herzliches Dankeschön an Franklin für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Franklin gesagt wurde.
Hat er Sie belästigt? Ich hatte ihm verboten, an die Tür zu gehen, wenn es klingelt. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich möchte keinen Staubsauger kaufen und brauche auch kein Zeitschriftenabonnement.
[Anm. der Red.: Die Autorin knallt die Tür zu.]

 Mehr über die Autorin erfährt man auf ihrer Homepage.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...