Sonntag, 16. Dezember 2012

[INTERVIEW] Xemerius über Kerstin Gier



Kerstin Gier

Wir bitten darum, nicht zu filmen oder zu fotografieren und alle Handys auszuschalten. Diese Wunder der modernen Technik könnten unseren heutigen Gast aus der Fassung bringen, und das wollen wir ja nicht. Also Xemerius, dürfen wir dir eine Tasse Tee anbieten, bevor wir mit den Fragen beginnen?


1. Stell uns Kerstin Gier doch erst einmal kurz vor.

Kerstin Gier? Ich dachte, hier geht es um MICH! Aber gut, Kerstin Gier ist eine mittelalte (an manchen Tagen sieht sie echt aus wie hundert, dafür benimmt sie sich öfter mal wie eine 12jährige - das gleicht sich aus...) Autorin, deren Erfolg maßgeblich auf Büchern beruht, in denen ICH vorkomme. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem Haus in einem Dorf, in dem GAR NICHTS passiert. Aber wenigstens gibt es hier Katzen. Die Familie ist eigenartig, vor allem der Ehemann. Er behauptet hartnäckig, mich gäbe es gar nicht. Blöder Ignorant.

2. Was denkst du über Kerstin, wie findest du sie? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihr findest, wofür du sie beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?

Hallo? Wollten wir nicht über mich reden? Was ich denke? Sie ist okay. Es gibt ja nicht viele Menschen, die mich sehen UND hören können, deshalb will ich nicht meckern, mit ihr kann man wenigstens reden. Sie könnte sich allerdings ein bisschen mehr um mich kümmern als um ihre Familie und ihre Arbeit und die Probleme ihrer Freunde, ich bin so niedlich!!! Und ich hasse es, wenn sie mich anschnauzt, ich solle mich nicht so auf der Tastatur rumfläzen. Aber was soll ich machen? In ihrem nächsten Buch komme ich nicht vor. Ich meine - spinnt die jetzt oder was?

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihr, was tut sie, wenn sie nicht schreibt?
 
Im Wesentlichen vor sich hinglotzen. Stundenlang. Sie starrt ins Leere und murmelte Sachen vor sich hin. Manchmal flucht sie auch. Und dann macht sie eben den ganzen langweiligen Kram, den langweilige Menschen halt so machen, Freunde treffen, telefonieren, ins Kino gehen, Klavier spielen, Hausarbeit, Gartenarbeit, kochen, einkaufen, auf dem Laufband "laufen" (bei ihr müsste es eigentlich Kriechband heißen) und natürlich lesen. Wie ein einziger Mensch so viele Bücher lesen kann, in denen ich nicht vorkomme, ist mir ein Rätsel.

4. Hat sie ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?

Ich würde sagen, ICH bin ihr Vorbild. So schlagfertig wie ich wäre sie auch mal gern. Na ja, und außer mir findet sie Menschen toll, die gute Laune und Lebensfreude verbreiten. (Also auch wie ich, eigentlich. Nur dass ich ein Dämon bin. Oder vielmehr der Geist eines Dämons. Aber ein sehr gut gelaunter, der jede Menge Lebensfreude verbreitet.)

5. Gibt es besondere Gepflogenheiten, die Kerstin Gier beim Schreiben an den Tag legt? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?

Ja, leider! Wir haben nämlich nicht unbedingt den gleichen Musikgeschmack. Sie hört nur so Musik, bei der sich andere die Pulsadern aufschlitzen würden. Also wenn ich nicht schon tot wäre ... Und was das Essen angeht: Bis zum Kühlschrank hinunter in der Küche sind es zwei lange Treppen - und trotzdem steht sie andauernd auf, um dahinzulaufen. Meistens macht sie den Kühlschrank aber wieder zu, ohne etwas rauszunehmen, manchmal murmelt sie dabei so was wie: "Huch, was wollte ich eigentlich hier?" - als ob sie schlafwandeln würde.

6. Wie hast du sie kennengelernt?

Ich hab sie gefunden, als sie noch ganz klein war. Ein kleines, dünnes, ziemlich hässliches Mädchen mit einer unglaublichen Eulenbrille und Sommersprossen auf der Nase. Wartet mal, ich finde bestimmt ein Foto ... hahaha - ist das nicht ulkig? Jedenfalls war sie zuerst ganz entzückt, dass sie einen unsichtbaren Freund hatte. Später wurde sie ein wenig undankbarer, angeblich habe ich gestört, wenn sie sich mit ihrem Freund getroffen hat (aber der war nichts für sie, da musste ich einfach stören!) und bis heute behauptet sie, sie habe ihre Englischabiturklausur versaut, weil ich auf ihrem Tisch gesessen und Gedichte deklamiert habe. Aber erstens hatte sie trotzdem eine 2 minus und zweitens waren das ENGLISCHE Gedichte. Ach ja, das waren noch Zeiten!
Unfassbar, wie lange es gedauert hat, bis sie mich endlich mal in einem Roman verarbeitet hat.

7. Weißt du, ob es bei ihr immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen ist?

Nein, ich bin, soviel ich weiß, die einzige Figur, die es auch "in echt" gibt, alle anderen erfindet sie immer.

8. Einmal ganz direkt gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Kerstin so besonders?

Na ja, weil, erstens hat sie keine Zeit, weil sie ja gerade schreibt (bzw Löcher in die Gegend starrt) und zweitens bin ich ja wohl tausendmal interessanter als sie. Hallo? Unsichtbar? Dämon? Kann durch Wände gehen und fliegen und ... alles mögliche?? Tsss. Während Kerstin so ungefähr GAR NICHTS Interessantes macht, außer rumsitzen und siehe oben. Na ja, aber sie hat mich einfach schrecklich lieb und könnte ohne mich leben. Sie sagt, wenn ich nicht gewesen wäre, wäre Smaragdgrün eine schrecklich kitschige Schnulze geworden. Bin natürlich immer froh, gebraucht zu werden.
 
9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Kerstin Gier bereit? Wie sieht der momentane Stand ihrer Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?

Also ehrlich, langsam kommt mir der Verdacht, das ganze 
Gespräch dreht sich nur um das schreibende, blonde Dickerchen. Das schreibt gerade an einen neuem Jugendbuch. In welchem ich nicht vorkomme, aber dafür eine sprechende Steinfigur namens 
Fat Freddy. Ich hasse den Kerl. Ist so eine Mischung aus Vogel 
und Löwe, superkitschig. Das Buch erscheint irgendwann 
nächstes Jahr, ein Titel steht noch nicht fest. Obwohl ich tolle Vorschläge hatte. "Doofer, dicker Freddy!" "Oder "Das Buch 
ohne Xemerius" - aber tja - auf mich hört ja keiner. Die Zukunft sieht aber hoffentlich trotzdem rosig aus, denn ich hoffe, wir 
ziehen ganz bald aus diesem langweiligen Dorf in ein altes Haus 
mit einem Turm an einem See, wo es richtig viele Gespenster 
gibt, mit denen ich mir die Zeit vertreiben kann. Da kann Dickerchen weiterschreiben, was anderes will sie ja sowieso nicht.

10. Ein herzliches Dankeschön an Xemerius für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Xemerius gesagt wurde.

Ich glotze nicht vor mich hin - schon gar nicht stundenlang. Ich ... denke. Viele liebe Grüße!!
Mehr über die Autorin erfährt man auf ihrer Homepage.

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