Sonntag, 26. Mai 2013

[INTERVIEW] Nathanael über Tanja Meurer


Tanja Meurer

Nathanael war gegen 1820 Physiker, Mathematiker und Ingenieur, ein Wissenschaftler, der sich in der Welt der Zahlen am Wohlsten fühlte, allerdings auch an mechanischen Wesen (auf Basis der Geschöpfe Jacques de Vaucansons) arbeitete. Er verlor sich in der Forschung um die Vergabe einer Seele an einen mechanischen Körper und an die Alchemie.
Etwas zu spät erkannte er, dass er seine Frau vernachlässigte und sie Stück um Stück an einen äußerst charmanten, fantasievollen Autor verlor.
Durch ihre ungewollte Schwangerschaft getrieben, nahm sie sich das Leben.
Er beging einen folgenschweren Fehler, indem er sie nachbaute und der „Puppe“ ihre Augen einsetzte.
Damit geriet auch er unter die Macht des Autors, der ihn zu benutzten begann. Fast 200 Jahre später lebt Nathanael noch immer, mal Herr seines Willens, mal Amadeos Marionette.
Unter Berlin und unter Ancienne Cologne, einer unterirdischen Enklave, die Amadeo beherrscht, befand sich sein Heim – in den Unterwelten von Berlin.
Nathanael und Amadeo stammen aus „Glasseelen – Schattengrenzen I“ (erschienen Januar 2013). Der Roman basiert auf E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“.
Nathanael hat wenige Probleme, sich über Tanja oder Amadeo auszulassen.


Die Luft ist stickig in dem kleinen Raum. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt direkt in ihr/sein Gesicht.
Er blinzelt und hebt die Hand vor seine lichtempfindlichen Augen.
„Wären Sie so freundlich, das Licht abzublenden? Ich bin derartige Helligkeit nicht gewohnt.“
Nach einem Moment lächelt er freundlich. Er entblößt gelbe, weit auseinander stehende Zähne, die lang aus seinen Kiefern ragen. Es wirkt grotesk, wenn er seinen breiten Mund verzieht.
Umständlich rückt er seine Brille zurecht und streicht eine Strähne seines feinen Spinnwebenhaars über die unförmigen Schultern. Der Ausdruck in seinem jahrhunderte alten Gesicht ist tatsächlich nicht abwertend oder überheblich.
„Vielen Dank.“

1. Was können Sie uns zu Tanja Meurer sagen - los, was müssen wir wissen?
Ruhig schlägt Nathanael die dünnen Beine übereinander. Er faltet seine großen Hände auf der Tischplatte.
„Nicht so hektisch, meine Liebe.“
Erneut lächelt er. Sein Blick verliert sich in der Dunkelheit des Raums. Für einen Moment sieht es fast so aus, als habe er vergessen, dass ihm eine Frage gestellt wurde.
„Fräulein Tanja …“ Er wiegt den Kopf. „Auch sie könnte mir gefährlich werden, aber freundlicherweise lässt sie mich nicht handeln, wie es Amadeo tat. Sie fördert meine eigentliche Natur.“

2. Aha, Sie beneiden Tanja also um etwas? Oder schlimmer, es gibt etwas, was Sie gar nicht leiden können? Wir haben also ein Motiv?
Überrascht hebt er den Blick und schüttelt den Kopf.
„Nein.“ Er überlegt kurz. Sein Blick scheint sich nach innen zu richten. „Nein, nicht wirklich, meine Liebe.“ Langsam lehnt er sich in dem Stuhl zurück. Unter seinem immensen Gewicht beginnt er zu ächzen. „Sehen Sie, ich bewundere Menschen mit Fantasie, aber ich habe gelernt, sie zu fürchten. Eine solche Mannsperson hat aus mir das gemacht, was ich heute bin – ein Monster.“
Seine Mimik hat sich verdüstert.
Unvermittelt hebt er den Kopf. Das bekannte Lächeln kehrt zurück. „Ihr nehme ich nichts übel. Sie hat mir einen Teil meiner Menschlichkeit zurück gegeben.“
Plötzlich hebt er tadelnd den Finger. „Sie schießen gern über das Ziel hinaus, nicht wahr, junges Fräulein? Ein Motiv haben wir damit noch lang nicht.“ Seine Lippen verziehen sich zu einem Grinsen diabolischen Grinsen. „Ein Motiv liegt nicht vor – oder sehen sie eine Frauenleiche?“

3. Das hört sich so an, als würde Tanja nicht ununterbrochen schreiben - was macht er/sie denn in dieser Zeit?
Er lacht auf. „Wahre Worte.“ Nachdem er sich beruhigt hat, lässt er die Fingerknöchel knacken. „Sie zeichnet – nicht nur nette Bilder von hübschen jungen Menschen oder alten Männern wie mir – nein, sie zeichnet auch Baupläne, konstruiert und beschäftigt sich mit der logischen Anwendung dieser faszinierenden Geräte … wie nennen Sie sie doch gleich?“ Grübelnd tippt er sich gegen den Kiefer. Plötzlich hält er eine Hand hoch. „Nein, sagen Sie es mir nicht, ich komme gleich darauf.“ Nachdenklich nickt er. „Ja, Ihre Computer, diese kleinen, tragbaren Varianten. Damit arbeitet sie oft. Sehr gern würde ich diese Geräte erlernen. Fräulein Tanja könnte mir dabei sicher eine Hilfe sein – aber auch in meiner Enklave. Zeichner und Konstrukteure kann ich immer gut gebrauchen, insbesondere solche, die an der Oberfläche gelebt haben und mit der neusten Bau- und Ingenieurtechnik vertraut sind. Bedauerlicherweise werde ich Fräulein Tanja kaum davon überzeugen können, in – nein unter - Berlin leben zu können. Sie mag meine geliebte Stadt nicht. Bedauerlich – wirklich bedauerlich.“
Er hebt die Hände. „Andererseits ist es gut, dass sie weit entfernt lebt. So kann wird sie nie zu einem zweiten Amadeo.“

4. Ein Trittbrettfahrer? Welchem Vorbild eifert sie nach? Ist das nur schriftstellerisch so, oder auch im »normalen« Leben?
„Ich sagte: sie könnte so werden, nicht, dass sie so wird, meine Liebe. Verkennen Sie nicht die Macht der Worte. Amadeo hielt mich nahezu 200 Jahre nur mit Worten unter seiner Kontrolle.“ Zwischen seinen Brauen ist eine steile, tiefe Falte entstanden, die sich langsam glättet. „Ich gebe zu, dass sie Hoffmann – Amadeo – sehr gern gelesen haben muss, aber ich denke, dass sie eine Regel in ihren Erzählungen beherzigt hat: Niemand ist von Grund auf Böse.“
Er faltet die Hände wieder über dem Knie. „Fräulein Tanja eifert ihm nicht nach, darin bin ich mir sicher. Sie berücksichtigt, dass jeder Mensch aus seiner Sicht positiv handelt, was natürlich nicht heißt, dass es aus dem Blickwinkel anderer gutzuheißen ist. Dass ich mordete, war moralisch verwerflich. Andererseits bot ich den Seelen eine weitere Chance – zu leben ohne je wieder krank zu werden, körperlichen Verfall zu erleiden …“
Er senkt betrübt den Kopf. „Ich weiß, dass ich mit meiner Forschung etwas Unverzeihliches in Gang gesetzt habe, aber es war nur …“
Er bricht ab. Mit einem leichten Kopfschütteln schiebt er den Gedanken von sich.

5. Gibt es Rituale, die beim Schreiben anwendet? Hängt sie bestimmter ritualistischer Musik an, oder gibt es irgendwelche berauschende Nahrungsmittel, die stets griffbereit liegen müssen?
Langsam kehrt Nathanael aus seinem emotionalen Tief zurück. Irritiert sieht er auf. „Rituale?“ Er nickt. „Zumindest für dieses Buch hatte sie Unterstützung durch eine sehr verstörende Musikform. Wie sie sich nennt, weiß ich nicht. Dazu würde ich lieber im Vorfeld Theresa oder Camilla befragen. In jedem Fall klang sie – experimentell. Sehr düster. Ich weiß, dass sie zu Bildern der Musik mein Aussehen erschuf. Das sagte sie mir. Eigentlich müsste ich ihr dafür böse sein. Aber – ist das gerechtfertigt? Jungen Damen darf man nicht allzu lang zürnen.“
Er lächelt wieder. „Zumindest das Stück gefiel mir ausnehmend gut. Es nannte sich Lamento Mortis – ein tragendes, sanftes, langsames Klagelied. Sie spielte es mir vor. Ich wünschte, ich würde diese hervorragende Sopranistin einmal auf der Bühne erleben dürfen.“

6. Wie kam Tanja auf Ihre Spur?

 Versonnen lächelt er. „Vermutlich ist die Antwort sehr komplex. Sie sollte wohl ein Buch schreiben, dass über die Berliner Unterwelten philosophierte und über das Museum, was man bereits zwei Mal über meinem Heim baute – direkt auf der kleinen Insel in der Spreegabelung.“ Langsam neigt er seinen wuchtigen Oberkörper nach vorn. „Liebes Kind, dürfte ich Sie um einen Schluck Wasser bitten?“
Er lässt sich wieder zurück sinken. Seine Mimik verschließt sich. „Unser liebes Fräulein begegnete zuerst Amadeo – wie sie sagte – auf der Suche nach einer griffigen Geschichte.“ Ein dunkler, fast drohender Ton mischt sich in seine zittrige Stimme. „Da Amadeo bis 1822 in Berlin lebte und sie seine Novellen schon zu Kindertagen liebte, nahm sie seine Erzählung „Der Sandmann“ zur Grundlage. Während ihrer Erkundung zu den Hintergründen begegneten wir uns unter – verschiedenen Umständen.“
Er verfällt in Schweigen.

7. Wissen Sie, ob sie sich Ihre Opfer immer auf diese Weise aussucht, entstehen ihre Geschichten immer so?

 Nachdenklich reibt er sein Kinn. „So weit ich weiß nicht. In den meisten Fällen orientiert sie sich an ihrer eigenen Fantasie, doch in nahezu jedem Buch befinden sich Anker zur Realität.“
Er hebt die Hand. „Bevor Sie Fragen, meine Liebe, erkläre ich es lieber genauer.“
Seine Brille scheint ihn zu stören. Er nimmt sie ab und tippt sich mit dem dünnen Metallbügel gegen die Lippen. „Sehen Sie, meine Liebe, Tanja beschränkt sich normalerweise auf ihre Heimatstadt Wiesbaden, damit auch auf die historischen Hintergründe der Stadt. Viele Andeutungen, die sie nutzt, betreffen nähere oder fernere historische Eckpunkte der Stadt. So weit ich weiß, finden auch in ihrem Anschlussbuch Hinweise auf zwei Verbrechen, die dort begangen wurden. Auch wenn ich mir sicher bin, dass sie wenig Einfluss auf die Handlung haben werden.“
Er tippt sich gegen die Stirn. „Natürlich gibt es in vielen Fällen auch lebende Personen, die die Basis ihrer Romanfiguren bilden. Das sollte ich wohl nicht verschweigen.“

Nathanael - von Tanja Meurer gezeichnet
8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Verhör mit Ihnen, was macht Sie so besonders für Tanja?

 Erneut versinkt er in seinen Gedanken. Seine Hände liegen ruhig in seinem Schoß. Sein langes, weißes Haar fällt über seine Schultern.
„Das kann ich schwer erklären, meine Liebe. Ich denke, im Lauf der Zeit sind wir zu Freunden geworden. Schwer verständlich, ich weiß.“ Ein scheues Lächeln huscht über seine Lippen. „Ich weiß, was Sie nun denken. Ein Monster, ein Mörder – vor allem ein 235 Jahre alter Mann schließt Freundschaft mit einer noch recht jungen Frau. Das Geheimnis ist Vertrauen.“

9. Schauen wir uns doch einmal die Beweise an: Was wird sie als Nächstes tun? Woran arbeitet sie wohl gerade? Heckt sie einen Plan zur Ergreifung der Weltherrschaft aus? Wann werden wir neue Hinweise erhalten?

Er lacht herzlich. „Die Weltherrschaft ist ihr egal. Aber ich denke, wenn ich Fräulein Tanja davon schreibe, wird es sie auch sehr amüsieren.“
Nachdem er sich beruhigt strafft er sich auch wieder. Trotz allem zucken seine Mundwinkel noch. Die Worte haben ihn sichtlich erheitert.
„Fräulein Tanja arbeitet gerade an dem zweiten Buch, in dem ich noch nicht wieder in Erscheinung trete. Nach ihrem letzten Brief will sie sich Oliver, dem Cousin meiner lieben Camilla, widmen. Der junge Bursche hat es nicht einfach. Ihm begegnet offenbar das, was ich mit meinen Operationen immer erfolgreich verhindern konnte: Geister.“
Er schüttelt den Kopf. Nicht gut. Dem armen Burschen zolle ich all mein Mitgefühl. Allerdings habe ich Fräulein Tanja gebeten, ihm Hilfe durch Camilla zukommen zu lassen.“
Er lächelt. „Für mich war sie eine unschätzbare Hilfe, also wird sie es für diesen Burschen auch sein.“

Knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück ...


10. Ein herzliches Dankeschön an Nathanael für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Nathanael gesagt wurde.

Vielen lieben Dank. Nathanael hat sich eigentlich sehr gut geschlagen. Selten kommt bei ihm noch die dunkle Seite zum Tragen. Er ist selbstsicher an die Fragen heran gegangen.
Da er sich im Lauf des ersten Buches stark ändert, wird er auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch mehrere Auftritte bekommen. Ein Charakter wie er bietet mehr Spielraum, als man sich wünschen kann. Er ist nicht gut und nicht böse. Alles an ihm ist unheimlich. Trotzdem sucht er nur seinen eigenen Frieden.
Im vierten Buch soll er wieder auftauchen. Es geht von Wiesbaden in die Nähe von Berlin. Da lernt er auch Oliver (Der Rebell – Schattengrenzen II) kennen. Bis dahin finden er und alle anderen Personen aus Berlin/ Ancienne Cologne immer wieder Erwähnung.

Vielen lieben Dank für dieses wirklich schöne und außergewöhnliche Interview.


 Mehr über die Autorin erfährt man auf ihrer Homepage oder ihrer Facebook-Seite.

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