Sonntag, 18. August 2013

[INTERVIEW] Anna Dierks über Martin Barkawitz




Martin Barkawitz
Ich darf mich zunächst einmal selbst vorstellen: Mein Name ist Anna Dierks, ich stamme aus einem alteingesessenen Hamburger Kaufmannsgeschlecht. Ich lebe mit meinem Vater und meiner Mutter in einer Villa im Elbvorort Blankenese. Meine Eltern legen sehr großen Wert auf eine humanistische Bildung, daher wurde ich auf dem Johanneum erzogen – bekanntlich die älteste und traditionsreichste weiterführende Schule der Hansestadt, die schon 1529 von Johannes Bugenhagen gegründet wurde, dem Weggefährten Martin Luthers.

Einen Broterwerb muss ich glücklicherweise nicht ausüben. Aber da ich mir darüber im Klaren bin, dass es leider zahlreiche Menschen auf der Schattenseite des Lebens gibt, bin ich schon seit 1890 in der ehrenamtlichen kirchlichen Armenhilfe tätig. Ich gehöre dem Komitee zur Rettung gefallener Mädchen an, das sich insbesondere um Dirnen in den Elendsquartieren unserer schönen Vaterstadt bemüht.

Dieses Amt hatte ich schon zwei Jahre inne, als jene Ereignisse geschahen, die Martin Barkawitz in seinem Roman „Der Schauermann“ verarbeitet hat. Zunächst erschien mir der Gedanke befremdlich, dass ich über jenen Skribenten berichten soll, der mich erschaffen hat. Doch ich bin ja eigentlich progressiv und neuem Gedankengut gegenüber stets aufgeschlossen.


Willkommen, nimm Platz *küsschen küsschen* bitte bedien dich doch an den Keksen und der Milch. Und wenn wir fertig sind, zeige ich dir meine Schuhsammlung – wenn das kein Anreiz ist?

Eigentlich bin ich dem eitlen Tand abhold, aber ein kleiner Blick kann ja nichts schaden …


1. Stell uns Martin Barkawitz doch erst einmal kurz vor.

Auch Martin Barkawitz wurde in Hamburg geboren, allerdings nicht in den Elbvororten. Er besuchte ebenfalls ein Gymnasium, wenn auch nicht das Johanneum. Er hat nach dem Schulbesuch sogar studiert, was für einen Menschen von so einfacher Herkunft nicht selbstverständlich ist. Leider ließ er es am nötigen Ernst mangeln und schlug nach dem Erwerb des Magister Artium nicht die wissenschaftliche Laufbahn ein, sondern gab sich der massenhaften Produktion von niveaulosen Groschenheften hin, beispielsweise Jerry Cotton und ähnliche Machwerke. Immerhin findet er daneben noch Zeit für Körperertüchtigung und übt die edle Kunst des Degenfechtens aus. Er scheint also doch kein völlig hoffnungsloser Fall zu sein.


Und Schuhe? Liebt er Schuhe?

Ich fürchte, seine einfache Herkunft lässt Martin Barkawitz den Wert von Qualität nicht erkennen. Als ich einmal Budapester Herrenschuhe erwähnte, sagte er doch wirklich, er würde lieber Doc Martens tragen. Und das, obwohl er als Schriftsteller doch gar keine Arbeitsschuhe mit Stahlkappen benötigt.

2. Was denkst du über Martin, wie findest du ihn? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihm findest, wofür du sie/ihn beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?

Nun, Martin erinnert mich ein wenig an den Polizeioffizianten Lukas Boysen, der ja ebenfalls von ihm erfunden wurde. Beide Männer geben sich gerne ruppig und sind schnell mit einer ironischen Bemerkung vorneweg, haben aber doch ein gutes Herz. Doch es sind eben Männer und keine Herren, wenn du verstehst, was ich damit sagen will.

Martin sagt manchmal, sein Reichtum wäre der Ideenreichtum. Und das glaube ich ihm sogar. Was ich an ihm überhaupt nicht schätze, ist seine sarkastische Haltung gegenüber jedem ernsthaften Anliegen. Ich meine, jemand wie ich bringt den armen Freudenmädchen in den Elendsvierteln die Heilige Schrift, damit sie sich damit erbauen können. Daran ist doch nichts Lächerliches, finde ich.

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihm, was tut sie/er, wenn er nicht schreibt?

Seine große Leidenschaft ist wirklich die Fechtkunst, Martin Barkawitz nimmt auch an Turnieren teil, wo er ganze Wochenenden auf der Fechtbahn verbringt. Ansonsten schwimmt er gern, was zu seinem Tierkreiszeichen Fische passen dürfte. Ich würde schon sagen, dass die Körperertüchtigung für ihn eine große Rolle spielt. Aber das mag auch damit zusammenhängen, dass er beim Schreiben ja stets bewegungslos am Tisch verharren muss. Ansonsten kann man ihn mit Grillpartys stets locken. Wie gesagt, Martin ist ein eher einfacher Mensch und kann Gesprächen, die in höhere geistige Sphären führen, leider nicht folgen.

4. Hat er ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben? Und wie sieht es mit dem Kleiderschrank aus, ist er ordentlich?

Martins erklärtes Vorbild ist ja der Vielschreiber Helmut Rellergerd, der unter dem Pseudonym Jason Dark ebenfalls Romane von zweifelhaftem Inhalt verfasst. Sie drehen sich um einen sogenannten „Geisterjäger John Sinclair“. Andere Idole sind Robert Kraft, Stephen King, Wolfgang Hohlbein – ausnahmslos ebenfalls Vielschreiber.

Ordentlich? Ich fürchte, er weiß noch nicht einmal, wie man ein Oberhemd korrekt zusammenlegt. Nein, seiner Garderobe fehlt es an Klasse. Aber so gesehen passt sie dann auch wieder zu ihm.

5. Gibt es Rituale, die Martin Barkawitz beim Schreiben anwendet? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?
 
Martin Barkawitz trinkt beim Schreiben gerne Kaffee, hört aber keine Musik. Er kann auch in einem vollbesetzten Personenzug schreiben. Außerdem arbeitet er mit einem obskuren Computerprogramm, das sich write or die nennt …


6. Wie hast du ihn kennengelernt? Details, wir brauchen Details ...

Martin Barkawitz trat in mein Leben, als sich jene furchbare Choleraepidemie ankündigte, die unsere Stadt im Jahre 1892 so hart getroffen hat. Er hielt es für eine gute Idee, in dieser historischen Periode auch noch einen geheimnisvollen Serienmörder anzusiedeln, nämlich den Schauermann. Unter einem Schauermann versteht man in Hamburg ja mundartlich eigentlich nur einen Hafenarbeiter. Dieser Verbrecher war wie ein Hafenarbeiter gekleidet, das war die einzige Beschreibung, über die die Polizei zunächst verfügte. Aber es gab damals ja viele tausend Schauerleute. Ich selbst war in jenen Tagen unermüdlich im Auftrag der Armenfürsorge in den sogenannten Gängevierteln unterwegs, als ich in die dramatischen Ereignisse des Romans hineingezogen wurde.


7. Weißt du, ob es bei ihm immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen ist?

Martin Barkawitz denkt sich meistens eine Handlung komplett aus. Dass ein reales Ereignis als Hintergrund dient – wie in diesem Fall die Choleraepidemie – kommt eher selten vor. Obwohl beispielsweise sein Episodenroman „Die Steampunk Saga“ (unter dem Pseudonym Steve Hogan) ebenfalls von einem wirklichen Ereignis ausgeht, nämlich von der Londoner Weltausstellung 1851. Ich glaube, in die Protagonistin dieser Geschichte, eine gewisse Tinker-Kate, hat er sich sogar ein wenig verliebt. Nun ja, sie entstammt ja auch seinem eigenen sozialen Milieu, während andererseits zwischen mir und dem Autor buchstäblich Welten liegen.


8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Martin so besonders?

Ich glaube, Martin Barkawitz wollte einmal einen Charakter erschaffen, der sich so völlig von seinem eigenen Hintergrund unterscheidet – und zwar eine positive Figur, wie ich fairerweise hinzufügen muss. Er hat mich ja als ein wenig bildungsarrogant und weltfremd beschrieben, aber andererseits auch als mutig und sympathisch. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich „mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde“, wie Martin sagen würde. Aber die reichen Männer, die er in seinen Western erfindet, sind stets nur eindimensionale gewissenlose Schurken, die mit einer Kugel um Kopf enden. Demgegenüber bin ich doch noch gut weggekommen.


9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Martin Barkawitz bereit? Wie sieht der momentane Stand seiner Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?

Ja, Martin Barkawitz hat einen Roman um einen gewissen Sherlock Holmes verfasst. Die Handlung soll im Kunstmilieu spielen, wie ich höre. Ansonsten gab es schon von mehreren Lesern den Wunsch, dass es doch noch einen weiteren Kriminalfall geben möge, den Polizeioffiziant Lukas Boysen und ich gemeinsam lösen sollen. Dagegen hätte ich nichts einzuwenden, denn das Leben einer höheren Tochter ist doch gelegentlich ein wenig öde.


10. Ein herzliches Dankeschön an Anna Dierks für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich dem Autor selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Anna Dierks gesagt wurde.

Ich bin gar nicht so proletarisch, wie Anna Dierks mich sieht. Wenn ich Tee trinke, spreize ich stets den kleinen Finger korrekt ab, während ich die Tasse zum Mund führe. Und falls ich jemals mit Mitgliedern der britischen Oberschicht reden sollte, werde ich mich auf folgende Themenfelder beschränken: Blumen, Tiere, das Wetter, die königliche Familie und die Verdauung. Ich weiß eben doch, was sich gehört!


Mehr über den Autor erfährt man auf seiner Homepage

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