Sonntag, 13. Juli 2014

[INTERVIEW] Dr. Heribert Strunzl im Verhör zu seinen Taten ... und über Barbara Büchner



Meine Damen und Herren, wir bitten Sie vor dem heute übermittelten Verhör Ihre Kinder aus dem Zimmer zu schicken. Der Mann, den wir Ihnen hier vorstellen wollen, sollte nicht auf unschuldige Kinder losgelassen werden ... oder auf verstorbene Frauen ...


Der Wiener Historiker Dr. Heribert Strunzl ist als „Der Leichenräuber von Wien“ polizeibekannt: Mehrfach wurde er von Hausparteien angezeigt, die schauerlich üble Gerüche und merkwürdige Abfälle im Zusammenhang mit seiner Wohnung feststellten, und einmal kam es zum Polizeieinsatz, als etwas in seinem geheimen Labor explodierte. Bei einer Haussuchung fand man einen Zehn-Liter-Topf, in dem eine unbekannte grüne Substanz brodelte, und einen Käfig mit Meerschweinchen – zweifellos zu Versuchszwecken! Damals konnte der Alchemist zwar nicht belangt werden, doch nahm er seine Versuche, aus den Knochen berühmter historischer Wienerinnen und Schweineschmalz einen Harem von Sexsklavinnen zu erschaffen, bald wieder auf… was ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

Die Luft ist stickig in dem kleinen Raum. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt direkt in sein Gesicht.

1. Was können Sie uns zu Barbara Büchner sagen - los, was müssen wir wissen?

Unsympathische Person! Schnüfflerin! Hat die Nase in allem drin, was sie nichts angeht! Wer hatte denn die geheimen schwarzmagischen Unterlagen des Freiherrn von Reichenbach zuerst, sie oder ich? Sonst wäre es ihr ja gar nicht eingefallen, mir die unterzujubeln! Würde mich nicht wundern, wenn sie selber ähnliche Pläne gehabt hätte. Besitzt ja auch einen großen, teuren Quartband über das Wiener Pathologische Museum, reich bebildert! Sehr verdächtig!

2. Aha, Sie beneiden Barbara Büchner also um etwas? Oder schlimmer, es gibt etwas, was Sie gar nicht leiden können? Wir haben also ein Motiv?

Was ich nicht leiden kann? Raten Sie mal! Da rackert sich unsereins ab, aus alten modrigen Knochen, Schweineschmalz und Krokodilgewebe junge schöne Frauen zu erschaffen, und was macht so eine Schriftstellerin? Zitiert sich einfach die schönsten Jünglinge herbei, sperrt sie in den Arbeitsspeicher und macht mit ihnen, was sie will – und da sollten Sie einmal genauer nachsehen, was der so alles einfällt! Schande ist das! Da bin ich ja ein Engel dagegen! Den ganzen Tag amüsiert die alte Schachtel sich mit den Jungs, und das ohne Kosten und ohne Angst vor der Polizei!

3. Das hört sich so an, als würde Barbara Büchner nicht ununterbrochen schreiben - was macht sie denn in dieser Zeit?

Nicht schreiben? Hm. Weiß ich jetzt ehrlich nicht. Ich kenn sie nur schreibend. Naja, schlafen wird sie wohl manchmal. Und mit den beiden Kampfkötern geht sie Stunden lang spazieren, wahrscheinlich auch auf finsteren Pfaden! Würde mich nicht wundern! So fett, wie die Hunde sind, leben die nicht nur von Dosenfleisch! Statt mich zu vexieren sollte die Polizei lieber einmal nachfragen, ob nicht irgendwelche Kinder verschwunden sind!


4. Ein Trittbrettfahrer? Welchem Vorbild eifert sie nach? Ist das nur schriftstellerisch so, oder auch im »normalen« Leben?

Also: Immer schwarz angezogen, und die Jalousien im Wohnzimmer heruntergezogen, sodass ein unheimliches Zwielicht herrscht – angeblich wegen der Reflexionen am Bildschirm! Haha! Da sage ich eher: H.P. Lovecraft! Der lebte ja auch in einem ständig verdunkelten Zimmer! Und E.A.Poe! Naja, von Opium und Absinth weiß ich nichts, jetzt jedenfalls nicht mehr, aber früher soll sie´s ganz doll getrieben haben. Da hört man Sachen! Rauschgift! Alkohol! Bizarre Sexspiele! Skandalös! Aber sich ein ganzes Buch lang in höhnischen Äußerungen ergehen, weil ein brillanter Geist einen Weg findet, den Beschränkungen der Natur zu entgehen und sich zu erschaffen, was er anders nicht bekommen kann!

5. Gibt es Rituale, die Barbara Büchner beim Schreiben anwendet? Hängt sie bestimmter ritualistischer Musik an, oder gibt es irgendwelche berauschende Nahrungsmittel, die stets griffbereit liegen müssen?

(flüsternd) Totenstille! Wenn der Computer hochgefahren wird, kriechen die Hunde auf ihre Schlafplätze, die wissen genau, dass sie jetzt keinen Muckser mehr machen dürfen! Halbdunkel und Stille! Zum Fürchten! Und dann murmelt und munkelt sie vor sich hin, kichert und reibt sich die Hände… Da sehe ich Verdachtsgründe! Wahrscheinlich flüstert ihr ein Familiar ihre Geschichten ein!


6. Wie kam Barbara Büchner auf Ihre Spur?

Hmm… äh… ich habe einen Doppelgänger. Eine lebende Existenz, die mir in vielen Dingen gleicht. So ein Woody-Allen-Typ, auch Wissenschaftler. Und bei dem dachte sie immer schon, der wäre doch eine tolle Romanfigur. Obwohl er meines Wissens nie irgendwelche Gräber geplündert oder schöne Frauen aus Krokodilgewebe erschaffen hat. Das sind alles nur ihre Erfindungen!

7. Wissen Sie, ob sie sich Ihre Opfer immer auf diese Weise aussucht, entstehen ihre Geschichten immer so?

Ja! Ja! Das weiß ich genau! Arbeitsspeicher voll mit Fotos und Daten potenzieller Opfer! Wie sie ein Gesicht, eine Figur sieht, die in ihr Beuteschema passt, ganz egal, ob im Fernsehen, in der Zeitung oder einem Film, schon wird eine Datei angelegt. Hunderte sind es inzwischen, Frauen und Männer! Für jeden nur erdenklichen schriftstellerischen Zweck!

8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Verhör mit Ihnen, was macht Sie so besonders für Barbara Büchner?

Naja, ich bin was Besonderes, oder? Keiner von diesen gelackten Schönlingen! Kein Twilight-Vampir mit geputzten Zähnen! Kein Lovecraft-Dorftrottel aus den finsteren Bergen! Ein echter Wiener Historiker, tief verwurzelt in dieser schaurig-schönen Stadt, bestens informiert über ihre Geheimnisse. Seit dem „Dritten Mann“ gab es keinen solchen urwienerischen Schurken mehr wie mich, das ist doch einen Roman wert!

9. Schauen wir uns doch einmal die Beweise an: Was wird sie als Nächstes tun? Woran arbeitet sie wohl gerade? Heckt sie einen Plan zur Ergreifung der Weltherrschaft aus? Wann werden wir neue Hinweise erhalten?

Weltherrschaft, jawohl! Man braucht sich ja nur ihre Bücher ansehen: In jedem siegt zuletzt das Gute! Wenn das kein Indiz ist! Heute gehören uns die Bücher, und morgen die ganze Welt! Soweit kommt es noch! Kaum erfindet sie einen saftigen Schurken, wird ihm das Handwerk gelegt von irgendeinem neurotischen Sherlock Holmes oder einem ähnlichen Ritter der Gerechtigkeit.

Knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück ...

10. Ein herzliches Dankeschön an Professor Dr. Heribert Strunzl für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Strunzl gesagt wurde.

BB: Also ich murmle, munkele und kichere zwar, wenn ich an einem Buch schreibe, manchmal kommen mir auch die Tränen, aber ich reibe mir nicht die Hände! Das ist eine Erfindung von dieser widerwärtigen Kreatur!

Wer mehr über die Autorin erfahren möchte, kann sie auf ihrer Homepage besuchen oder sie in diesem Vorstellungsvideo näher kennenlernen.



Barbara Büchner - Der Leichenräuber von Wien
Arunya-Verlag, 2014
276 Seiten
eBook: 3,99 €
ASIN: B00J129SNS

Klappentext:
Schauerliches geschieht im lieblichen Wienerwald: Zwei Einbrecherinnen stören den Tanz der steinernen Zwerge von Schloss Neuwaldegg – mit schrecklichen Folgen.

Vier betrunkene Jugendliche begegnen bei einem Mondscheinspaziergang dem berüchtigten Schwarzmagier, dem Baron von Reichenbach, und seinem Freund, dem leibhaftigen Teufel.

Und ein verrückter Professor raubt die Leichen der schönsten Wienerinnen, um sie als seine Sex-Sklavinnen wiederauferstehen zu lassen.
Drei groteske Geschichten mit typischem Wiener Flair.

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