Sonntag, 21. Juni 2015

[INTERVIEW] Justinius und Vanice über Daniel Illger

Foto: Noëmi Vollenweider

Justinius und Vanice über Daniel Illger

Justinius ist der älteste Sohn des Barons von Hagenow. Er wurde in den Windmarken geboren, einer abgelegenen Provinz des Kaiserreichs Ahekrien. Eine Weile lang verlief sein Leben mehr oder weniger so, wie man das bei einem Baronssohn erwarten kann. Er ging auf die Kriegerakademie nach Mandris, war ständig betrunken und träumte von großen Taten. Irgendwann fand er heraus, dass ein Freund aus alten Tagen seine Zeit bevorzugt mit Mord, Folter und Schändung verbring. Justinius versuchte, diesen Freund, der längst schon kein Freund mehr war, mitsamt seinen Spießgesellen vor die Sonnenrichter zu bringen. Leider unterschätzte er den Einfluss, den die Familien der Täter – allesamt alter ahekrischer Adel – auszuüben vermochten. Am Ende landete er selbst im Kerker, und als er wieder in Freiheit war, wurde er von seinem Vater verstoßen. Seitdem lebt er mit seiner verrückten Magd Scara auf einem verfallenen Landsitz.
Vanice Devecraux wurde als Tochter eines mächtigen Handelsgeschlechts auf der Insel Enjahla geboren, die in der mygherischen Meerenge zwischen den beiden Kontinenten Ebera und Qheezan liegt. Sie verbrachte eine – von verstörenden Albträumen abgesehen – sorgenlose, wohlbehütete Kindheit. Doch eines Tages kam etwas über sie, das sie als „ihren Fluch“ bezeichnet: ein furchtbarer, unstillbarer Hunger nach verbotener Nahrung. Vanice, damals noch ein halbes Kind, musste Enjahla verlassen. Sie trat eine Irrreise an, die sie durch zahllose Länder und von einer Dunkelheit in die nächste führte.
Kürzlich hat das Leben von Justinius und Vanice eine Wendung genommen. Unabhängig voneinander lernten sie beide einen seltsamen jungen Mann namens Mykar kennen, der irgendwo zwischen Leben und Tod zu schweben scheint, sich mit einem Geistermädchen namens Danje unterhält und unbedingt seinen Freund Cay retten will, der des Mordes an einem Adeligen angeklagt ist. Dafür braucht Mykar Hilfe, denn er muss sich mit den Mächten dieser und anderer Welten anlegen, um sein Zeil zu erreichen – und ehe sich Justinius und Vanice versehen, schliddern sie ein merkwürdiges und unheimliches Abenteuer hinein. Die Geschichte dieses Abenteuers erzählt „Skargat.“
Wir treffen die beiden im Speisesaal von Justinius’ Landsitz. Es ist ein kalter, verregneter Herbsttag; Justinius und Vanice wärmen sich an dem Feuer, das im Kamin knistert. Justinius liegt halb in seinem Stuhl, macht einen mürrischen Eindruck und murmelt etwas von „Zeitverschwendung“; Vanice hingegen sitzt kerzengerade da und erwartet aufmerksam die erste Frage. Während wir uns für das Gespräch bereit machen, schaut auch Scara vorbei. Sie wirft Justinius und Vanice einen bekümmerten Blick zu, schüttelt den Kopf und geht wieder.

Wir bitten darum, nicht zu filmen oder zu fotografieren und alle Handys auszuschalten. Diese Wunder der modernen Technik könnten unsere heutigen Gäste aus der Fassung bringen, und das wollen wir ja nicht. Also, Herr von Hagenow, die werte Dame, dürfen wir Euch eine Tasse Tee anbieten, bevor wir mit den Fragen beginnen?

Justinius (schnaubt verächtlich): So weit kommt das noch, dass ich mir in meinem eigenen Haus Tee anbieten lasse! Außerdem, wer in Dreidämonsnamen trinkt schon Tee?

Vanice: Ich nähme gerne eine Tasse Tee, vielen Dank.

Justinius (wendet sich um und ruft): He, Scara! Schwing mal deinen Hintern hierher und bring mir ein Bier!


1. Euer Hochwohlgeboren, stellt uns Daniel Illger doch erst einmal kurz vor.
Justinius: Was soll man da groß „vorstellen“? Sitzt rum. Schreibt. Sitzt noch mehr rum. Schreibt noch mehr. Ungefähr so aufregend wie ein kotzender Straßenköter, der Kerl.

Vanice (verdreht die Augen): Bravo, Justinius! So bekommen unsere Gäste gleich den richtigen Eindruck von Euch.

Justinius: Ich kann auch nichts dafür, wenn sie über so einen Mist reden wollen.

2. Was denkt Ihr über Daniel, Vanice? Wie findet Ihr ihn? Gibt es etwas, was Ihr besonders toll an ihm findet, wofür Ihr ihn beneidet? Oder etwas, was Ihr so gar nicht leiden könnt?
Vanice: Ich denke, dass sich Herr Illger die größte Mühe gibt, uns gerecht zu werden. Er verurteilt uns nicht, und er macht sich auch nicht über uns lustig. Obwohl wir oft genug verurteilenswerte und lächerliche Dinge tun. Er möchte herausfinden, was unsere Wahrheit ist. Das schätze ich sehr.

Justinius: Nun, Euch will er vielleicht gerecht werden, meine Dame! Das muss an Eurem entzückenden Näschen liegen. Was mich betrifft, bin ich mir nicht so sicher. Wenn man liest, was der ehrenwerte Herr Illger so schreibt, könnte man auf den Gedanken komme, ich tue den ganzen Tag nichts anderes als Saufen und Rumpöbeln.

Vanice (ironisch): Uns das wäre ja ein überaus bedauerliches Missverständnis. Nicht wahr, Justinius?

Scara (tritt mit einem Bierkrug heran): Bitte sehr.

Justinius (grimmig): Das hast du mit Absicht gemacht!

Scara: Was habe ich mit Absicht gemacht?

Justinius: Du hast mir mit Absicht gerade jetzt das Bier gebracht!

Scara: Natürlich habe ich das mit Absicht gemacht. Wie kann man jemandem denn unabsichtlich ein Bier bringen, Justinus? Vielleicht sollten wir dich lieber ins Bett legen. Ich fürchte, die Aufregung mit den fremden Leuten ist zu viel für dich.

Justinius: Vielleicht sollte ich dich übers Knie legen, damit du endlich mal anfängst, dich wie eine anständige Dienerin zu benehmen.

Scara (indem sie sich wegdreht): Dafür ist jetzt leider keine Zeit. Ich habe noch ein Brot im Ofen.

3. Um auf Daniel zurückzukommen. Ihr verbringt doch viel Zeit mit ihm, Vanice. Was tut er, wenn er nicht schreibt?
Vanice: Früher hat er viele Stunden in universitären Hallen verbracht. Er hat dort gelehrt. Ich weiß gar nicht genau, was. Aber ich bin sicher, dass das eine gute und achtbare Tätigkeit war. In letzter Zeit widmet er sich ganz der Dichtkunst –

Foto: Noëmi Vollenweider
Justinus: Dichtkunst! Was für Dichtkunst?! Ich glaube, Ihr verwechselt den Herrn Illger mit Eurem geliebten Haiton. Wie heißt das gleich, wo Ihr ständig drin rumblättert? Die Reise des Kalimikes, oder wie war das?

Vanice (ohne ihn zu beachten): – widmet er sich ganz der Dichtkunst. Er fühlt sich seinen Geschichten sehr verpflichtet und ist der Meinung, diese Verpflichtung nur einlösen zu können, wenn er seine ganze Kraft auf diese eine Sache richtet. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich wünsche ihm alles Gute.

Justinius: Ich wollte noch mal auf die vorige Frage zurückkommen. Es gibt nämlich schon etwas, das ich an ihm mag: Er verbietet uns nicht das Maul. Wenn ich „verfickte Scheiße“ sage, dann meine ich „verfickte Scheiße“ – und nicht „welch betrübliches Malheur“. Ich kann Leute nicht ausstehen, die alles immer mit Girlanden behängen müssen.

Vanice: Sagte ich das nicht bereits?

Justinus: Keine Ahnung. Ich hab nicht zugehört.

4. Hat er ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?
Vanice: Herr Illger und ich haben uns gelegentlich über die Dichtkunst unterhalten. Er kam dabei öfters auf einen Poeten namens Dostojewski zu sprechen. Von diesem Herrn Dostojewski stammt ein berühmter Satz... Wie lautet er gleich? „Menschen würden alles tun, um sich zu beweisen, dass sie keine Drahtstifte in einer Drehorgel sind.“ Ja, ungefähr so. Wenn ich es richtig verstehe, meint der Herr Dostojewski, dass das menschliche Herz ein großes Rätsel ist: ewig zerrissen zwischen Gut und Böse, Edlem und Niederträchtigem, Hoffnung und Verzweiflung. Und er hält es für die Aufgabe des Dichters, ganz tief in diese Zerrissenheit hineinzugehen: sie weder zu verleugnen, noch zu beschönigen, noch geradezubiegen. Es geht darum, zu ergründen, was es eigentlich bedeutet, frei zu sein.

Justinus: So ein Geschwafel hält der Herr Illger für vorbildlich? Na dann gute Nacht!

Vanice: Ich wünschte, Ihr würdet Euch nicht immer dümmer stellen, als Ihr seid, Justinius.


5. Gibt es besondere Gepflogenheiten, die Daniel beim Schreiben an den Tag legt? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?
Vanice: Er trinkt gerne Kaffee beim Schreiben. Ihr kennt das nicht, Justinius. Ihr habt ja den Norden niemals verlassen. Ich hingegen hatte das Glück, als Tochter einer Handelsfamilie auf Enjahla geboren zu sein. Es kamen oftmals Gäste in unser Haus, die aus dem tiefen Süden stammten, aus Ländern wie Numer oder Obzada. Die haben uns beigebracht, wie man Kaffee trinkt. Ich vermisse das sehr. Es gibt vieles, was ich hier oben vermisse. Nicht zuletzt die sonnendurchgleißten Herbsttage (seufzt).

Justinius: Ich würde dem Herrn Illger empfehlen, es mal mit Schnaps zu versuchen. Vielleicht hilft das seinem Geschreibsel.

Vanice: Euch hat es ja enorm geholfen, ständig betrunken zu sein.

Justinius: Und ob. Wenn’s den Schnaps nicht gäbe, läge ich längst im See.

6. Wie habt Ihr kennengelernt, Euer Hochwohlgeboren?
Justinius: In einer Schenke. Das ist noch etwas, das man dem Herrn Illger zugute halten muss. Er ist einer gepflegten Sauferei nicht abgeneigt. Außerdem kann er manchmal ganz großzügig sein. Ich hatte gerade kein Geld mehr, und er hatte mir ein paar Bier ausgegeben. Dann haben wir ein bisschen geplaudert und ehe ich mich zweimal am Sack kratzen konnte, steckte ich bis über beide Ohren in der Scheiße.

Vanice: Immerhin stecktet Ihr nur in der „Scheiße“. Nicht in der „verfickten Scheiße“.

Justinius: Ja, immerhin etwas.

Vanice: Mich hat Herr Illger an einem dunklen Ort gefunden. Ich bin oft an dunklen Orten, ich kann nicht anders. Als wir uns begegneten, war ich sehr einsam und verzweifelt. Ich bin froh, dass er mich gefunden hat, denn er hat mir eine Geschichte gegeben. Ohne eine Geschichte würde ich zugrunde gehen. Und das will ich nicht.

7. Wisst Ihr denn, Herr von Hagenow, ob es bei ihm immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen ist?
Justinius: Da habe ich keine Ahnung. So eng sind wir auch wieder nicht. Und ich habe schon genug mit dem ganzen Mist zu tun, den er sich für mich ausdenkt.

8. Einmal ganz direkt gefragt: Wieso führe ich das Interview mit Euch? Was macht Euch für Daniel so besonders?
Justinius: Na, jede Geschichte braucht einen Helden. So viel ist mal klar, oder? Und wer bitteschön taugt denn in dieser traurigen Runde als Held? Mykar? Wohl kaum. Er ist ziemlich gut darin, anderen das Lebenslicht auszupusten. Zugegeben. Aber ansonsten kann er froh sein, wenn er es schafft, eine Jauchgrube von einem Badezuber zu unterscheiden. Und an dem Tag, wo sich Scara als Held erweist, werden in den Niederhöllen Blumen gepflanzt.

Vanice: Was ist mit mir?

Justinius: Mit Euch...? Äh...

Vanice: Keine Sorge, Justinius. Ich weiß, dass ich nicht zur Heldin tauge. Ihr müsst Euch aber auch noch ein bisschen anstrenge, bevor Ihr diesen Ehrentitel für Euch beanspruchen könnt.

Justinius (knirschig): Ist mir klar. Deshalb habe ich ja wieder mit dem Schwerttraining angefangen.

Vanice: Euer Schwerttraining, wie konnte ich das vergessen! Dabei prügelt Ihr auf einen Schrank ein und gebt Laute von Euch wie ein brünstiger Ochse, oder?

Justinius (an die Interviewer gewandt): Die Dame kann nämlich auch witzig. Würde man gar nicht meinen, was?

Vanice: Übrigens weiß ich auch nicht, ob ich etwas Besonderes bin. Ich glaube, Herr Illger mag mich einfach. Das ist schön für mich, weil es mir noch nicht oft passiert ist, dass mich jemand wirklich mochte.

Justinius: Nun lasst mal das Taschentuch stecken, Vanice. Ich mag Euch auch.

Vanice: Ja?

Justinius: Klar. Ihr seid unerträglich eitel und selbstverliebt. Aber wer ist schon ohne Fehl?

Skargat von Daniel Illger
9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Daniel Illger bereit? Wie sieht der momentane Stand seiner Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?

Vanice: Nun, unsere Geschichte geht natürlich weiter.

Justinius: Das will ich dem Herrn Illger auch geraten haben. Wenn er mich in der Luft hängen lässt, kriegt er eins auf die Fresse.

Vanice: Mir wäre es auch lieber, ich würde meine Reise mit einem etwas leichteren Herzen beenden.

Justinius: Kurz gesagt, wenn der Herr Illger für uns keine Zukunft parat hat, kann er die seine gleich vergessen!

Vanice: Er schreibt aber noch an etwas anderem. Das ist eine Geschichte, die in einer Stadt namens Berlin spielt.

Justinius: Nie gehört. Wo soll das denn sein?

Vanice: Das ist sehr weit weg. Ich glaube, der Ort ist auf keiner unserer Karten verzeichnet. Jedenfalls geht es in dieser Geschichte darum, dass unsere Wirklichkeit nur durch einen dünnen Schleier von einer anderen, dämonischen Wirklichkeit getrennt ist – und darum, wie man dieser zweiten, grauenvollen Wirklichkeit ins Auge sehen muss, wenn man aus Versehen den Schleier zur Seite zieht.

Justinius: Ihr meint ungefähr so, wie wenn sich ein Gläschen genehmigen will und plötzlich feststellt, dass kein Wein mehr im Haus ist?

Vanice: Ungefähr so, Justinius. Wie dem auch sei: Mindestens ein Buch soll dieses Jahr fertig werden. Nun, bei Euch ist ja Frühling, insofern hat Herr Illger noch ein wenig Zeit.


10. Ein herzliches Dankeschön an Justinius von Hagenow und Vanice Devecraux für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchten wir dem Autor selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Justinius und Vanice gesagt wurde.
Scara (räuspert sich): Bin ich schon dran? Ah ja. Wo war ich? Richtig, am Anfang... Also, der nette Daniel hat mir erlaubt, an seiner Stelle ein paar letzte Worte zu sprechen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meinem Esel Schlappi zu danken. Schlappi ist ein gutes Tier. Er weiß, wo die Weinberge liegen. Außerdem ist er viel klüger als Justinius, was zugegebenermaßen auch für die eine oder andere Stubenfliege gilt. Vor allem aber hat er nicht so alberne Haare wie das liebe Mädchen. Ich habe ihr schon öfters geraten, sich die Haare schneiden zu lassen, aber sie bleibt stur. Nun, sie wird sehen, was sie davon hat, wenn die Krähen auf ihrem Kopf ein Nest bauen. Abgesehen davon versichere ich, dass Justinius und Vanice die Wahrheit gesprochen und durchaus nicht gelogen haben. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten, will ich sagen. So, das wäre es. Jetzt muss ich mich sputen, es ist nämlich noch ein Brot im Ofen. Schlappi, gibt es etwas, das du den Leuten auf den Weg mitgeben möchtest?
Schlappi: Iah. 


Kommentare:

  1. Sehr gelungenes Interview. Da wartet man schon sehnsüchtig auf den nächsten Band :)

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    1. Hallo,

      das freut uns, dass Du Spaß hattest. Ich hatte es auf jeden Fall. Die beiden ergänzen sich hervorragend. :)

      Liebe Grüße,
      Nana

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  2. Tolles Interview! Sehr unterhaltsam!

    *Schlappi hinter dem Ohr kraul*

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    1. Huhu,

      dass Schlappi hier auch einen Auftritt bekommt, hätte ich ehrlich nicht zu träumen gewagt, aber so fügt er sich ganz wunderbar mit ein, nicht wahr?
      Ich freue mich jedenfalls, dass es dir gefallen hat.

      Liebe Grüße,
      Nana

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