Sonntag, 14. Juni 2015

[INTERVIEW] Luc Morel über Wolfgang Gogolin



Wolfgang Gogolin

Bonjour! Ich bin Luc Morel - im Roman 'Dunkles Licht in heller Nacht' Capitaine der Pariser Mordkommission, wirklich kein Freudenpfuhl als Beruf. Tote Menschen sehen und deren widerliches Ende. Die Gewissheit spüren, dass irgend jemand frei herumläuft, der für diese Mordssauereien verantwortlich ist. Zwanzig Kollegen bändigen steht auch auf der Liste, die mir jeden Tag vermiest. Was gibt es noch? Richtig: die Sansevieria auf dem Fensterbrett. Eine Pflanze, die mich schon so lange begleitet, dass sie mittlerweile einen Namen hat und von der ich eigentlich nicht weiß, warum es sie noch da ist. Ich muss mich um sie kümmern und kümmern ist immer irgendwie ungut ... ich finde, der Autor hätte mir eine entspanntere Rolle gönnen können! Als Betreiber einer kleinen Brasserie beispielsweise oder als Inhaber eines Weinguts an der Rhône …

1. Stell uns Wolfgang Gogolin doch erst einmal kurz vor.
Oh, er könnte sehr gut ein Beamter sein! War er ja auch ein paar Jahre lang, Standesbeamter in Hamburg. Vermutlich bin ich nur deshalb im Dunklen Licht schon ewig verheiratet und habe keine junge Geliebte. Dabei gehört sich das doch in Paris, sogar die Präsidenten haben eine, und es ist gesund …
In Wolfgangs Arbeitszimmer hängen riesige Poster von Magritte, in seinem Player laufen immerzu CDs von den Dire Straits und Rum trinkt er am liebsten pur. Ich könnte mir vorstellen, mit ihm einen netten Abend in einem Bistro zu verbringen, in einem französischen, bien sûr!

2. Was denkst du über Wolfgang, wie findest du ihn? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihm findest, wofür du ihn beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?
Oh, mon Dieu, was soll ich dazu sagen? Er ist wirklich kein Franzose, obwohl Gogolin durchaus ein französischer Name sein könnte. Er fährt einen dunkelblauen Mercedes und er trinkt am liebsten Pesquera, ausgerechnet spanischen Wein. Das ist doch kein Leben, das nenne ich vegetieren! Aber immerhin hat Wolfgang mal beim Ducasse in Paris gespeist und er verfasst en passant ganz brauchbare Restaurantkritiken, nur darum durfte er meine Geschichte überhaupt aufschreiben. Aber ein echter Franzose wird er niemals! Niemals!

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihm, was tut er, wenn er nicht schreibt?
Er verbringt viel Zeit mit seiner Frau, die beiden haben eine Schwäche für Sterneküche, très bien! Und ich wollte es zuerst nicht glauben: Statt Pétanque (Boule) spielt er mindestens ein Mal pro Woche Tischtennis! Da steht man nur locker an der Platte und muss sich nicht viel bewegen, hatte er mir anfangs gesagt und das auch ernst gemeint. Inzwischen weiß er es wohl besser.

4. Hat er ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?
Wolfgang schätzt Leute mit Sprachwitz, ich habe den gesammelten Voltaire in seinem Regal gesehen. Leider nur auf Deutsch. Wenn er sich nach dem Schreiben entspannen will, hört er sich alte Platten von Ulrich Roski an, er besitzt sie alle! Und sein Lieblingsgedicht ist Schillers "Ring des Polykrates". Er mag auch Englisches, er hält Oscar Wilde für grob unterschätzt. Zwar bin ich nur halb gebildeter Polizist, aber das sehe ich völlig anders. Engländer!

5. Gibt es Rituale, die Wolfgang A. Gogolin beim Schreiben anwendet? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu essen, das in Reichweite stehen muss?
Also, wenn ich hochkonzentriert arbeite, dann beschwingen mich immer Chansons von Gilbert Bécaud und Yves Montand, dazu ein Gläschen Roter. Aber Wolfgang will nur Stille. Absolute Stille. Ich fühle mich dabei beobachtet, aber er braucht das wohl. Wäre ich sein Arzt, würde ich ihm verschreiben, öfter mal einen Pastis zu trinken. Aber ich bin ja nur sein Capitaine.

6. Wie hast du ihn kennen gelernt?
Seltsame Frage. Er hat mich geschaffen, er ist Gott. Glücklicherweise funktioniere ich dennoch nicht immer so, wie er sich das denkt. Wolfgang hofft ja immer auf deutsche Präzision und Verlässlichkeit bei seiner Hauptfigur, aber das kann er sich bei mir abschminken. Ich mag ihn trotzdem irgendwie. Vielleicht liegt das daran, dass wir beide einen Beamtenhintergrund haben. Am Ende kommen wir zusammen und ich behalte recht.

7. Weißt du, ob es bei ihm immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen ist?
Wissen kann ich es nicht. Ich vermute aber, dass ihm andere Figuren noch mehr in die Suppe spucken als ich kleiner Capitaine. Welcher Romanheld lässt sich denn schon gern vom Chef herumschubsen? Wer eine petite Selbstachtung mitbringt, wird Wolfgang ganz genau sagen, was er aufschreiben soll.

8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Wolfgang so besonders?
Moment! Eigentlich stelle ich hier die Fragen. Ich bin der Ermittler und halte alle Fäden in der Hand. Mit wem solltest Du sonst sprechen? Wolfgang ist nur der Schreiberling.

9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Wolfgang A. Gogolin bereit? Wie sieht der momentane Stand seiner Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?
Wolfgang war zwischenzeitlich wieder wochenlang in Paris, im letzten Herbst, es sieht alles nach einem neuen Frankreichroman aus. Das wird sicher nicht leicht, denn ich werde nicht dabei sein. Merke ich mir! Aber ich sehe Chancen für die Zukunft: Wenn er sich ein vernünftiges Auto kauft, beispielsweise einen Renault, und wenn er das Leben ein wenig leichter nimmt, kommen sicher noch ein paar phänomenale Romane auf uns zu!

10. Ein herzliches Dankeschön an Luc Morel für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich dem Autor selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtig zu stellen, was von Luc gesagt wurde.
Nett, dass ich auch zu Wort komme. Und ja, ich fahre einen Mercedes – aber der ist schon 13 Jahre alt und entspricht fast einem neuen Renault. Damit bin ich schon fast Franzose, finde ich, außerdem wird mein Lieblings-Rum in Frankreich abgefüllt. Lucs Auftreten hier bei den Lesekatzen erscheint mir reichlich selbstbewusst, denn natürlich funktioniert er haargenau so, wie ich will, wie denn sonst? Zu Luc Morels Schwäche für Pastis: Das ist keine Lösung! Angesichts solcher Vorschläge wird er auch in einem künftigen Roman keine heimliche Geliebte bekommen, das hat er jetzt davon!


Wenn ihr mehr über den Autor erfahren möchtet, besucht ihn auf seiner Homepage. Der Roman "Dunkles Licht in heller Nacht" ist im Oldigor Verlag erschienen.


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