Dienstag, 6. Oktober 2015

[Rundumschlag] Dämonen Saga - Peter V. Brett (by Key)

Dämonen Saga , Peter V. Brett
Heyne Verlag
# 1 Das Lied der Dunkelheit
(The Painted Man)
# 2 Das Flüstern der Nacht
(The Desert Spear)
# 3 Die Flammen der Dämmerung
(The Daylight War)
# *Der große Basar
(The Great Bazaar)
# *Das Erbe des Kuriers
(Messanger's Legacy)


Salût zusammen.
Heute gibt es einen Einblick in die Dämonen-Sage des Amerikaners. Damals ein Debüt, heute gehört es zum guten Ton, sein Werk um den tätowierten Mann zu kennen. Ganz zu Schweigen davon, dass Autor: Rothfuss (Ihr wisst schon, der mit der Königsmörder Reihe) Brett als einen seiner Lieblingsautoren nennt.
Die beiden stehen gefühlt auf einer Stufe. Das was mir bei dem einen fehlt, kitzelt der andere hervor im sprachlichen Niveau. Was dem Einen jedoch an charakterliche Raffinesse fehlt, beleuchtet der Andere.

Aber erst einmal möchte ich euch über ein paar Begleitumstände aufklären: Es empfiehlt sich nicht beide Buchreihen gleichzeitig zu konsumieren (Hörbuch-/ Buchform) das erschafft nur Verwirrungen! Besonders in der musikalischen Komponente. Weiterhin hat das gesprochene Wort einen großen Nachteil: Man findet unendlich viele Fehler. Da ich nicht dafür bezahlt werde diese aufzulisten, dafür gibt es eigenständige Berufszweige, werde ich hier keine Seitenzahlen zitieren. Aber einen stellvertretend werde ich euch direkt mal sofort um die Ohren pfeffern, liebe Verleger, Übersetzer und Korrekturleser. Der Charakter mit der Fiedel und dem ansehnlichen roten Flaumbartwuchs heißt Rojer und nicht Roger. 


Dinge die hätten auffallen müssen und die ich jetzt als Stil betitel sind folgende Minuspunkte: Das ‚Achselzucken‘. Ich habe mich schon im Privaten darüber lustig gemacht und werde auch hier nicht scheuen, das Kind beim Namen zu nennen. Die Achselhöhle hat KEINE Muskeln die zum Zucken geeignet sind, schon gar nicht zum heben. Leider aber ist dies im Deutschen scheinbar eine sprachliche Eskapade die toleriert wird wie die schrecklichen Nachtmahre in denen man sich von den Höhenzügen der Alpen stürzt: Alpträume; anstatt den Alben die Schuld zu geben: Albträume. So ist es eben für mich ein anerkanntes: Schulter zucken, Schultern heben oder hob und senkte die Schultern um die Ratlosigkeit zu beschreiben. Sei es drum, so ahnungslos und gleichgültig Leesha, Inevera, Jardir, Abban, Arlen, Rojer und Hölle ALLE anderen Protagonisten und Nebenfiguren in diesen Büchern sind, musste da eben Abwechslung rein gebracht werden. Ich behaupte: Es gibt nicht eine einzige Szene in der nicht mindestens EINMAL wahlweise die Achsel oder die Schulter gezuckt wird, oder eben jene gehoben und gesenkt worden sind.
Wir haben eine imaginäre Strichliste geführt, aber innerhalb der über 3000 Seiten Gesamtwerk den Überblick verloren. Absolut untragbar dieser ‚Stil‘ und daher Abzug auf alle Bücher, konsequent.
Aber das ist ja nicht alles.

Vielleicht sollte ich euch einmal sagen: Ich MAG die Dämonen, die Erlöser-Thematik, die Siegel-Magie. Auch viele der Charaktere sind hervorragend dargestellt. Sonst hätte ich mir nicht, nachdem ich die Gelegenheit hatte in einer Leserunde Teil 1 zu lesen, sofort ALLE bis jetzt erschienen Bücher sofort nachgekauft. Dass ich sie dann meinem vorübergehend blinden Kerl vorgelesen habe, steht auf einem anderen Bogen Pergament. Hat Spaß gemacht. Man kann Bretts Bücher hervorragend vorlesen. Ich habe allerdings nicht nur diese Fehler und Wiederholungen festgestellt dabei, sondern auch, dass es unheimlich schwierig ist, bei der wörtlichen Rede entsprechend zu betonen, weil man oft nicht weiß wer spricht. Aber das ist schon in Ordnung, immerhin halte ich einen Roman und kein Drehbuch in der Hand. Es gibt durchaus Kritik über die ich hinwegsehen kann. Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass ich irgendwann einfach weiß, dass die Frauen Goldbänder ins Haar flechten, dass die Krücke einen Kamelkopf hat und alle Krasianer eine Palme im Wind sind. *handwedel*


Was mir aber ganz sauer aufstößt sind die Zeitsprünge. Besonders in Band 3 hab’ ich mehrfach geflucht. Immer und immer wieder wird der Leser aus der Haupthandlung herausgerissen und es wird zurück gegriffen. Alle schon bekannten Szenen aus dem ersten Buch und dem zweiten werden aus einer zweiten, dritten, vierten Sicht geschildert um die Verknüpfungen, lang vorausgeahnten Intrigen und Vorhersagen aufzudröseln. Das gipfelt darin, dass ich mich vera* ehm … ver … ver … verulkt vorkomme. Wir haben laut den ersten Kapiteln noch knapp einen Monat bis zum nächsten Neumond „Erlöschen des Mondes“ und endlich nähern wir uns in der Mitte der 1000 Seiten bis auf 2Wochen an diesen Moment, nur um dann wieder 200Seiten lang zurück zu springen.
Mir würde es nichts ausmachen, ab und an INNERHALB der Überlegungen der Hauptgeschichte Rückblenden zu erfahren, die Sichtweise Ineveras zB zu erhalten, aber dann wild zwischen: 18Tage bis Erlöschen, ach nee der Charakter ist noch bei 23 Tagen bis Erlöschen usw hin und her zu wechseln lässt mich die Haare raufen. Etwas mehr Ordnung hätte hier gut getan. Übrigens war das auch schon mein Problem im ersten Band. …

Der erste Teil wartete mit 3 Perspektiven auf. Was in Ordnung war und einigermaßen übersichtlich. Auch wenn leider nicht alle gleich bemessen waren. Am Ende des ersten Bandes jedoch wirkte sich dieses Gehopse und Ausgelasse schon folgendermaßen aus: Leesha, die am Ende in derselben Zeitlinie wie Rojer und Arlen ist, ist gefühlt für mich noch immer eine süße unschuldige Jugendliche. Später ist das ebenfalls mein Problem in Band 2 wenn wir Jardirs Kindheit bis zum Erwachsenen miterleben dürfen und dann doch wieder vor den Jetzt-Problemen stehen.
Ich sage aber ganz klar: Band 2 war deutlich anspruchsvoller und interessanter als Teil 1. Was selten genug in einer Reihe der Fall ist. Dagegen ist Teil 3 jedoch für mich dieser Übergangshandlungsplatz, in dem nichts passiert. Allein, dass ich nach 600 von 1000 Seiten immer noch vor der Zeit bin, indem Band 2 AUFGEHÖRT hat, spricht nicht für eine gute Erzählweise. Es muss nicht immer alles chronologisch sein, aber hier wird mir zu viel gespielt. Zudem sind die Gegner, die in Teil 2 eingeführt worden sind, wieder vollkommen verschwunden bis kurz vorm Showdown. Womit wir uns einzig und allein mit dem menschlichen Abgründen auseinandersetzen können. Keine Spur mehr von dem eigentlichen Sinn und Zweck der ganzen Dämonen, Siegel, Erlöser Idee.

Nach Teil 1 hatte ich mich sehr auf den ‚Erlöser‘ und den ‚Gegen-Erlöser‘ gefreut und auf deren Zwistigkeit, aber bis Ende Band 3 passiert an der Front einfach gar nichts. Und die Dämonen-Gefahr dümpelt völlig gelassen vor sich hin, schlimmer noch sie werden billiges Kanonenfutter gegenüber Band 1 (sowie dem Kurzgeschichtenband) in dem die Horclinge einem noch wirklich Angst eingeflößt haben.

Ihr seht ich bemängel’ hier also nicht nur Formatierung, Aufmachung, Unterteilung, Fehler und Übersichtlichkeit, sondern auch die Handlungsführung, den schlackernden roten Faden und den Spannungsbogen.

Wären da nicht die guten Seiten.
Der Pluspunkt schlechthin für mich: Ahmann asu Hoshkamin am’Jardir am’Kaji. Seine Jiwah Ka Inevera, ihres Zeichens Damaji’ting/ Damahja. Sein Sohn Asome und dessen Cousin Asukaji. Sein ehemaliger Freund und jetziger Ratgeber Abban, der Khaffit. Ach, eigentlich alle die mit Jardir in einer Beziehung stehen - sein Ajin’pal Hasik, sein Par’chin Arlen asu Jeph am’Strohballen am’Bach und so weiter … Jardir, dem das zweite Buch viel Platz widmet wie es sich gehört, ist absolut göttlich. Ich würde mich sofort für ihn in bunte Seidentücher hüllen und die Zimbeln im Kissentanz für ihn schlagen, nur um die 7Freuden zu bereiten und danach unzählige der 77Stellungen mit ihm auszuprobieren. Er soll ein unglaublich leidenschaftlicher, ja gar animalischer Liebhaber sein. Und wer 12 Dama’ting zur Frau hat (unter anderen) und über zig Söhne gezeugt, der muss schon ordentlich drauf sein (und drunter).
Sorry, Arlen, aber dagegen bist du einfach nur ein Wilder mit Kapuze und Glatze. Und ja ich als LeserIN darf so denken. Arlen ist echt ne saucoole Person, aber er ist einfach nicht charismatisch genug. Ich muss ihm und dem Autor aber zu Gute halten, dass das auch nie die Absicht war.
Und dann Rojer … mein kleiner großer Held. Ich habe ihn seit Teil 1 ins Herz geschlossen und er wird immer und immer wieder unterschätzt. ER ist hier der einzige der wahre Größe in sich trägt. Die anderen sind alle nur ‚gemacht‘.

Die Abgründe die sich hier charakterlich auftun machen mich oft verlegen und haben mich viel staunen lassen. Hier gibt es Uringestank, Schweiß, Dämonenscheiße, Vergewaltigungen durch Männer und oder wahlweise Gegenstände, Kastration, Dominanz und Machtspielchen, Fanatismus, Intrigen, Mord, Plünderung und Krieg. Und das schaffen die Menschen der verschiedenen Herzogtümer (Miln im Norden, Angier, Lakton, Rizon sowie in der Wüste Krasia) hervorragend ohne den unterirdischen Aggressor.

Zu Anfang gab es viele Ungereimtheiten, zu erst hieß es noch Dämonen könne man nicht töten (vielleicht höchstens verwunden), doch je weiter die Handlung fortschreitet, je mehr die Charaktere lernen, desto mehr lernt auch der Leser und ungeahnte Möglichkeiten werden offenbar. Zudem wird auch irgendwann einmal erklärt, wieso Wildtiere (zB Wölfe und Pferde) trotz der gefrässigen Plage überleben können. Diese beiden Dinge stießen mir in Teil 1 sauer auf, aber das legte sich sehr bald. Es ist ein ständiger Kampf ums Überleben und der Stärkste und Schnellste, wahlweise Brutalste überlebt. Von daher rechne ich den Menschen als Spezies keine große Chance aus.
Denn wir befinden uns in einem mittelalterlichen Setting, welches ein paar sehr schöne Eigenheiten aufweist. Es gibt Kuriere, ein sehr angesehener Berufsstand - mutige Männer die hin und her ziehen und Nachts im Freien kampieren müssen innerhalb ihrer magischen Bannzirkel. Wie ein Putzerfisch hängt an ihm oft ein Jongleur, ein buntes Kerlchen welcher Geschichten und Witze erzählt, die Akrobatik beherrscht und überdies musikalisch begabt sein sollte. Schließlich gibt es die typischen Berufe der Dorfvorsteher, Händler, Gastwirte und für das geistliche Wohl entsprechende Priester-Pendants. Die Welt Thesa ist einfach gestrickt. Im krassen Gegensatz zu Krasia. Da hat man sich grad eingelebt in diese rückständige Welt in der die einzige Medizin von Kräuterweiblein stammt, da wird man in den Wüstenspeer geworfen. Wer schon dachte Thesa an sich hätte die romantische Beschaulichkeit einer fiktiven Fantasy-Welt, der findet sich in einem Volk wieder welches irgendwo zwischen den arabischen Ländern, Indien und China angesiedelt ist. Ihre Frauen ganzkörperverschleiert, Haremsbildung, Kastensysteme, Wiedergeburt, eine Art ‚kraf maga‘ Sportart: Sharusahk, welche sowohl als Kampfsport als auch als Yoga und für Tanzschritte geeignet scheint. Unglaublich faszinierend diese Kultur. Und doch so verflucht nah an unseren realen Vorbildern.

Hinzu kommen die Namensgebung: Arther-Arthur, Steave-Steve, Franq-Frank und viele andere Momente in denen man beinah denken könnte, hier geht es nicht um eine phantastische Vorstellung, das könnte genauso gut ein After-Apokalypse-Drama sein. Denn nach und nach werden immer mehr antike Gegenstände und Wissen gefunden von vor über 300 Jahren. Aus einem untergegangenen Zeitalter, in dem die Menschen auf dem Zenit der technischen Entwicklung standen und ziemlich tief gefallen sind. Übrig geblieben sind zB Donnerstöcke und ich brauchte sehr lange bis ich wusste was die reale Entsprechung dazu sein sollte.

Doch kommen wir zu den Dämonen und Siegeln. Diese bilden das außergewöhnliche Fundament dieser ansonsten ziemlich durchschnittlichen Welt. Zu Anfang begnügten wir uns mit wenigen verschiedenen Formen der im Norden bekannten: Horclinge (Süden: Alagai). Doch schon bald lernt der Leser, dass es noch etliche Unterarten gibt. In Tibbetsbach, der Heimat von Protagonist Arlen gibt es Feuerdämonen, die die Größe einer Katze haben, Felsendämonen die entsprechen massiv sind, Winddämon wie Aasgeier; im Tal der Holzfäller - was irgendwie Sinn macht - gibt es enorm viele BaumdämonenI am Groooooot!“. Und in der Wüste kleine Rudel Sanddämonen, wobei nicht ganz klar ist ob diese nun eher zu Felsendämonen oder zu Feuerdämonen gehören. Fakt ist aber, über die Zeit hinweg, gibt es noch dicke Frösche als Wasserdämonen, die kleinen Brüder der Felsen: Steindämonen und weil es so schön ist: Felddämonen, Schlammdämonen, Schneedämonen. Und weil das alles eh nur Arbeitsdrohnen sind, gibt’s noch Dämonenprinzen und Mimikrydämonen. Und weil nichts einfach ist, sind das mit Sicherheit immer noch nicht alle.
Zum epische Veranschaulichen sollte man sich das Musikvideo von Woodkid mal geben.
Schützen kann man sich vor ihnen nur mit ominösen Siegeln. Und auch nach 3000 Seiten weiß ich NICHT wie ich solche Schutz-, Kampf- oder auch ‚Umwertungs’Siegel anbringen sollte. Durch die Abbildungen später weiß ich zwar endlich wie sie in etwa aussehen, durch Arlens Ausbildung im Bannzeichnen ist mir klar, dass es um geschlossene Linien und korrekte Anordnung, sowie Berechnungen (Gleichungen) geht - aber ich könnte jetzt immer noch keines auf meine Fensterbank malen, geschweige denn mein Haus damit schützen und muss mich mit alternativen Vorstellungen á la ‚Full Metal Alchemist‘ retten.

So weit, so gut. Kann man hier eine Leseempfehlung aussprechen? Natürlich kann man das. Nicht bedingungslos, versteht sich von selbst, ihr solltet schon Zeit haben für so viele Seiten. Wobei ich ehrlich bin, Buch 1 hätte MEHR vertragen können und Buch 2 und 3 hätten davon profitiert, nicht ganz so weit zurück zu greifen und alles noch mal aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Alles in allem aber ein absolut gewaltiger Weltenentwurf, mit viel Mühe und Liebe. Allein die ganze krasianische Sprache und ihre Traditionen sind eigenständig. Jardir macht eine gute Figur und auch die ganzen Nebencharaktere sind nicht zu unterschätzen. Zusätzlich zum Lexikon und den Siegelbeispielen bräuchte ich nur so langsam aber sicher noch ein Namensregister. Ich freue mich auf den 4.Band der Reihe. Ich hoffe der Autor zieht die Eroberung, den Sharak Sun, nicht endlos in die Länge und nimmt jede Hauptstadt in einem Buch ein, sondern kommt mal zu Potte beim Sharak Ka. Im letzten großen Buch gab es nämlich keinen Cliffhanger, Brett ging einfach einen Schritt weiter. Ihr versteht schon? Über das ‚überbrückende‘ Büchlein mit der Novelle um Dorn konnte ich hingegen leider herzlich wenig anfangen. Zu schmal, zu klein, zu vertraut alles was dort geboten wurde, nur damit man weiß, wenn diese Figur im 4. Band auftaucht, wer sie ist. Und, wenn ich ehrlich bin, einem viel zu fetten Spoiler.


In dem Sinn:
Ohoohoo du hübsche Dama’ting
Ich versteck’ mein’ Ehering.
Wenn ich dich seh’, dann muss ich sing’:
tingelingeling, you pretty thing.

(frei nach Seeed - Ding)


COMING SOON: aktuelle Rezension von Key zum 4.Teil: Der Thron der Finsternis

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