Sonntag, 1. November 2015

[INTERVIEW] Arrian über Rafaela Creydt



Rafaela Creydt

Wie alle Menschen vom Treuen Volk kann Arrian der Angeber die Wirklichkeit nach seinen Wünschen verändern, ist aber aus den gleichen Gründen nirgendwo gern gesehen.
Arrian ist ein junger Mann, ein heimatloser Wanderer ohne Familie. Er macht das Beste draus und versucht, sein ungebundenes Leben zu genießen, bis er in Duremm die halbwahnsinnige Leibwächterin Teklija na Kamatasai findet, die sich einfach so in seine cleveren Pläne einmischt und ihn oft genug selbst beinahe in den Wahnsinn treibt.
Das ist die Geschichte von 'Die Stadt am Kreuz'
Arrian leidet an einem natürlichen Mangel an Respekt vor so ziemlich allem und hat auf seinen Wanderungen über den Krüppelkontinent schon eine ganze Menge gesehen. Deshalb trägt er es mit Fassung, als er nun plötzlich über seine Autorin sprechen soll.

Wir bitten darum, nicht zu filmen oder zu fotografieren und alle Handys auszuschalten. Diese Wunder der modernen Technik könnten unseren heutigen Gast aus der Fassung bringen, und das wollen wir ja nicht. Also Arrian, dürfen wir dir eine Tasse Tee anbieten, bevor wir mit den Fragen beginnen?

Tee? Ja klar, warum nicht. Ich nehme gern einen Tee. Krieg ich auch ein, zwei Löffel Honig dazu und vielleicht einen Schuss Rum?

1. Stell uns Rafaela Creydt doch erst einmal kurz vor.
Rafaela, also Rafaela ist inzwischen etwas älter als ich, so Anfang dreißig. Als wir uns kennenlernten, war sie noch viel jünger, so Anfang zwanzig. Ich habe ihr also beim erwachsen werden zu schauen können. Hat sie eigentlich ganz gut hingekriegt. Sie ist keine von diesen verbiesterten Erwachsenen, die vergessen haben, dass das Leben erstmal gar keinen Sinn machen muss.
Sie kann unglaublich redselig und laut sein und hat einen Humor, mit dem vermutlich nicht jeder klar kommt. Aber genauso gut könnte man sagen, dass Rafaela ein sehr ruhiger, schweigsamer Mensch ist und ihr die seltsamsten Details auffallen.
Insgesamt … Naja, es ist ja Teil meiner Aufgabe, Menschen einzuschätzen und so, aber dummerweise ist Rafaela von so ziemlich allem, was sie ist, auch immer gleich noch das Gegenteil.

2. Was denkst du über Rafaela Creydt, wie findest du sie? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihr findest, wofür du sie beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?
Sie ist schon in Ordnung. Ich könnte ihr ein paar Dinge übel nehmen, die sie mit mir, meiner Welt und meinem Volk angestellt hat, aber das wäre vermutlich kleinlich. Als Geschichtenerzählerin ist es ja ihre Aufgabe, für Spannung zu sorgen, einer langweiligen Geschichte hört schließlich kein Mensch zu.
Was die anderen Punkte angeht ...
Entschuldige, Rafaela, wenn ich das so laut sage, aber du bist einfach unglaublich langsam!
Ich weiß ja, dass du eine Arbeit hast, und die erstmal wichtiger sein muss als uns zu schreiben, und ich weiß auch, dass die Geschichte im Laufe der Zeit immer besser geworden ist, und ich bin auch gern mit dir zusammen, aber ernsthaft? Wie viele Jahre hast du gebraucht, um unsere Geschichte fertig zu bekommen? Ist das nicht ein bisschen lächerlich?
Dagegen beneide ich dich um deine Familie. Klar, du lebst jetzt schon seit Jahren allein und in allen möglichen Ecken deines Heimatlandes, fast so wie ich.
Aber du hat eine echt tolle Familie, zu der auch Freunde gehören, denen du immer willkommen bist, die dich genau so mögen, wie du nunmal bist (langsam und widersprüchlich), und die dir helfen ohne groß zu fragen.

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihr, was tut sie, wenn sie nicht schreibt?
Entschuldige, wenn ich lache. Was tut sie nicht?
Würde sie weniger andere Sachen machen, hätte sie inzwischen vielleicht schon eine Trilogie mit mir als Hauptfigur fertig.
Also, sie arbeitet als Landschaftsarchitektin, was meiner Meinung nach super passt, weil es wiedermal aus allen möglichen Widersprüchen besteht: Es ist ein technischer Beruf (heißt doch so, oder?), aber einer, der ganz viel mit Pflanzen zu hat, also etwas lebendigem. Und noch mehr mit Ästhetik und Gestaltung. Und dann hat es auch noch damit zu tun, wie die Menschen nun mal ticken und man braucht wohl auch ein sehr exaktes Vorstellungsvermögen.
Wenn ich jetzt so durch Duremm schlendere, finde ich, dass sie sich das eigentlich ganz passend ausgesucht hat.
Sie lebt ja gerade in der Stadt, also geht sie nicht mehr so viel in der Feldmark spazieren, wie sie das sonst gern getan hat, aber sie läuft trotzdem noch ziemlich viel zu Fuß - für die Leute bei euch zumindest. Und im Sommer auch noch oft barfuß. Also, wenn ihr mal in Nürnberg eine Barfußläuferin seht, könnte das durchaus Rafaela sein.
Dann hat sie angefangen Harfe zu spielen – zum Glück erst, als sie mit uns das erste Mal durch war. Diese Frau ist so unmusikalisch!
Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange es dauert, bis sie ein neues Stück gelernt hat. Aber immerhin ist es eine Harfe, und damit klingt auch das wirrste Rumgezupfe noch ganz schön.
Außerdem näht sie noch. Aber meistens nur Kostüme und Gewandungen, und da sie nur ein paar Mal im Jahr auf ein Live Rollenspiel fährt, braucht sie nicht besonders viele Klamotten.
Und jetzt gerade backt sie Brot.

4. Hat sie ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?
Hmmm. Sie sagt immer, dass sie keine Vorbilder hat, weil sie keine Kopie sein will.
Sehr sympathisch, da klingt sie nämlich genau wie ein Angeber.
Aber ich kenne sie jetzt lange genug, sie und ihre Bücherregale. Wenn du meine Meinung hören willst: Man kann nicht Bücher von Terry Pratchett, Frank Herbert, Jennifer Roberson oder Ben Aaronovitch immer und immer wieder lesen (und nochmal), ohne dass sie einem wirklich, wirklich gut gefallen. Und ganz sicher beeinflusst doch das, was man selbst gern liest, das, was man selbst gern lesen würde, und deshalb selbst schreibt, oder?

5. Gibt es besondere Gepflogenheiten, die Rafaela Creydt beim Schreiben an den Tag legt? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?
Habe ich erwähnt, dass sie langsam ist? Sie kaut manchmal minutenlang auf einem einzigen Satz herum. Schreibt ihn, löscht ihn, schreibt ihn wieder, ändert ein Wort, löscht wieder.
Ana und Etale!
Und dann wieder schreibt sie drei Seiten, ohne einmal abzusetzen. (Dann muss sie nur anschließend ein paar Satzzeichen dazwischen streuen.)
Davon abgesehen, hmmm, sie hat immer eine Flasche Wasser dabei. Gute Idee, oder? Eigentlich sollte man überhaupt immer eine Flasche Wasser dabei haben. Das hat noch keinem geschadet.

6. Wie hast du sie kennengelernt?
Ich saß in dieser Taverne in Duremm herum. Hieß 'Jerons Sprung'
Jaaaa, ziemlich klassisch, ich weiß.
Sie hat sich umgeschaut, weil sie jemanden brauchte, der mit Tek, also, Teklija na Kamatasai, zu Recht kommt, was wirklich nicht einfach ist, das ist mal sicher!
Und sie brauchte wohl auch jemanden, der ein bisschen fröhlicher und sorgloser ist. Ich hab ihr natürlich nicht sofort auf die Nase gebunden, dass mit dem 'sorglos' bei mir auch so eine Sache ist.
Sie mochte meine Haare und mein loses Mundwerk, also war ich dabei.
Wir haben uns dann im Lauf der Zeit besser kennengelernt.

7. Weißt du, ob es bei ihr immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen ist?
Das geht, glaube ich, sehr unterschiedlich, vor allem bei den Hauptfiguren, also den armen Socken, die richtig im Dreck sitzen und damit noch schlimmer dran sind als ich.
Sie stolpert zum Beispiel über irgendeinen unwichtigen Satz in einem Roman, oder irgendwo sonst in ihrem Leben, und dann geht die Assoziationskette los und drei Herzschläge später hat sie eine neue Figur.
Oder sie weiß, was für eine Geschichte sie erzählen will und sucht nach einer Figur, die dazu passt.
Und dann lernt sie die Figur genauer kennen und dann ändert Rafaela plötzlich die ganze Geschichte, damit sie besser zur Figur passt. Das finde ich übrigens sehr anständig.
Sie verbiegt ihre Figuren so wenig wie irgend möglich. Eher biegt sie die Welt um uns herum.
Nebenfiguren, so wie ich ja auch angefangen habe, beginnen häufig als Schablone, als ein Gefühl oder Eindruck, der vermittelt werden soll, so wie bei mir eben etwas helleres, menschlicheres neben Teks schwarzer Verbissenheit und Verzweiflung. Dann baut sie ein bisschen an uns herum, und dann lässt sie uns wachsen, bis wir aufwachen und lebendig werden - dann dürfen wir so ziemlich machen, was wir wollen.

8. Einmal ganz direkt gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Rafaela Creydt so besonders?
So besonders bin ich, glaube ich, gar nicht. Wir verstehen uns ganz gut.
Aber wenn wir uns mal umschauen, bleibt ja außer mir nicht viel übrig. Es sollte jemand aus der Stadt am Kreuz sein, das ist halt gerade aktuell.
Tek, die Heldin, scheidet leider völlig aus. Erstmal spricht die Knochenkatze praktisch nur unter Androhung körperlicher Gewalt (und vermutlich nicht mal dann) über Höhergestellte oder gar persönliches
Außerdem ist Rafaela jawohl so was wie ein Gott über den Göttern für uns, nicht wahr? Tek hat für ein solches Konzept einen Namen, nämlich Narfa, und ich fürchte, Narfa macht Tek gerade nicht glücklich. Und über die Fehler von Vorgesetzten oder Höhergestellten spricht Tek überhaupt nicht. Niemals. Vergiss es.
Ruben, also Ruben ist schon ganz in Ordnung und kann auch ganz anständig reden, aber Ruben hat momentan den Kopf wirklich mit anderen Dingen voll. Und zu den Göttern hat er ohnehin ein gespaltenes Verhältnis. Und dann wird er grummelig und kurz angebunden. Aber hier soll ja ein wenig geplaudert werden.
Ijana ist ein Kind. Also lassen wir Ijana hier raus, verstanden?
Und Tresten, na, Rafaela ist ja auch nicht dumm, oder? Ich schätze, sie kann sich vorstellen, was Tresten über sie zu sagen hätte und verzichtet lieber.
Also mach ich das halt. Einer muss ja schließlich, und wir Angeber kriegen ja immer die Arbeiten, die sonst keiner macht.

9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Rafaela Creydt bereit? Wie sieht der momentane Stand ihrer Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?
Ich weiß, dass sie einiges in ihren Schubladen stecken hat, ein paar Welten, in denen ich mich gerne mal selbst genauer umschauen würde, aber ich muss wohl in Tagora bleiben.
Jetzt gerade arbeitet sie an etwas neuem vom Krüppelkontinent, aber aus einer ganz anderen Zeit als meiner. Wenn es nach mir ginge, würde sie diese ganze Geschichte ganz besonders tief begraben und niemals auch nur noch ein Wort darüber schreiben, aber Rafaela sagt, sie muss das jetzt endlich mal klären, bevor sie mit mir oder meinem Tagora weiter machen kann. Fundamente legen, oder so, sagt sie.
Und dann hat sie in letzter Zeit ein paar Mal was davon gemurmelt, dass ich mir Lehrlinge anschaffen soll. Ana und Tagore!
Ich und Lehrlinge! Naja, wenn sie jetzt erstmal Fundamente legt, habe ich vermutlich noch ein wenig Gnadenfrist, bis es dazu kommt.

10. Ein herzliches Dankeschön an Arrian für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Arrian gesagt wurde.
Ach Arrian, Danke, dass du das so gut erledigt hast.
Und ob du etwas Besonderes bist.
Wenn es eine meiner Figuren gibt, mit der ich gerne mal einen trinken gehen würde, dann mit dir. Vielleicht in Duremm? Anschließend schauen wir uns den Nachthimmel über der Wüste an und singen gemeinsam, angeschickert und schief, wie nur wir beide das können, das Lied der Sterne.

 Wenn ihr mehr über die Autorin erfahren möchtet, besucht sie doch einmal bei Facebook. "Die Stadt am Kreuz" ist im Verlag in Farbe und Bunt erschienen.

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