Sonntag, 3. Januar 2016

[INTERVIEW] Cyril Bergin über Tanya Carpenter



Cyril Bergin ist der dunkle Held im „Ikarus-Evangelium“, welches im bookshouse-Verlag erschienen ist. Als Waise großgeworden und zu einem exzellenten aber auch gewissenlosen Kämpfer ausgebildet, steht er der Hauptfigur des Romans, Catherin Navole, zur Seite. Dies nicht nur bei der abenteuerlichen Suche und den gefährlichen Kämpfen gegen den Orden der Saints. Die beiden verbindet auch eine tiefe, unerschütterliche Liebe, auch wenn diese allerhand Widrigkeiten trotzen muss. Er hat selbst seine Vergangenheit vergessen und weiß manchmal selbst nicht mehr, wer er wirklich ist. Aber er hat sich einen inneren Sensor für gut und böse, richtig und falsch bewahrt, der ihn zu Cat führt und auf den ihm vorbestimmten Weg führt.

Die Luft ist stickig in dem kleinen Raum. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt direkt in sein Gesicht.



1. Was können Sie uns zu Tanya Carpenter sagen - los, was müssen wir wissen?
Sie ist eine Meisterin der Recherche, verbissen, präzise und gründlich. Sie kommt jedem Geheimnis auf die Spur, auch meinem. Das hat uns zusammengeführt und den Stein ins Rollen gebracht. Außerdem scheint sie einen unheimlichen Zwilling zu haben, denn so viele Sachen gleichzeitig kann kein Mensch auf einmal alleine tut.

2. Aha, Sie beneiden Tanya Carpenter also um etwas? Oder schlimmer, es gibt etwas, was Sie gar nicht leiden können? Wir haben also ein Motiv?
 Ich beneide sie keineswegs. Ihr Job ist hart und sehr einsam. Dabei nicht ungefährlich, denn wenn man sich mit allerhand zwielichtigen Typen einlassen muss, um an Informationen und gute Storys zu kommen, färbt das früher oder später auf einen selbst ab. Manchmal verliert man sich dann in den fremden Welten, in denen man sich herumtreibt, und muss verflucht aufpassen, nicht für immer dort hängenzubleiben. Aber bis jetzt hat sie den Absprung in die Wirklichkeit ja immer noch wieder irgendwie geschafft.

3. Das hört sich so an, als würde Tanya Carpenter nicht ununterbrochen schreiben - was macht sie denn in dieser Zeit?
 Sie gibt sich den Anschein eines normalen Lebens, um nicht aufzufallen. Sie hat sozusagen zwei Gesichter. Tagsüber spielt sie die brave Angestellte, die sich in Auswertungen, Statistiken und Geschäftskorrespondenz ergeht. Aber wenn die Sonne untergeht, kommt ihre zweite Natur hervor. Dann wird sie zur Spionin, Abenteurerin, Ermittlerin und manchmal sogar zu Geschöpfen der Art, die jenseits der normalen Vorstellungskraft liegen. *schaut sich verstohlen um* Ich sag’s nicht gern, aber ich habe den Eindruck, sie hat enge Kontakte zu anderen Ebenen, die sie mit Informationen versorgen. Auch zu recht dämonischen, was mich zuweilen ein wenig beunruhigt.

4. Ein Trittbrettfahrer? Welchem Vorbild eifert sie nach? Ist das nur schriftstellerisch so, oder auch im »normalen« Leben?
 Manchmal verwischen die Grenzen, wer kann das schon so genau sagen. Wenn sie sich richtig in einer Story verliert, dann holt sie diese in die reale Welt. Ihre Leser werden wissen, was ich meine. Fast alle Künstler, die solche Werke erschaffen haben, hatten irgendwelche dubiosen Pakte mit finsteren Mächten abgeschlossen. Ich hoffe für ihr Seelenheil, dass es bei Tanya anders ist, aber wissen kann man das nie. Darum vermag ich auch wenig über ein Vorbild zu sagen, weder ob sie eines hat, noch welcher Art das ist.

5. Gibt es Rituale, die Tanya Carpenter beim Schreiben anwendet? Hängt sie bestimmter ritualistischer Musik an, oder gibt es irgendwelche berauschende Nahrungsmittel, die stets griffbereit liegen müssen?
 Die Klänge, die durch den Raum schweben, wenn sie schreibt, spiegeln genau ihren Gemütszustand wieder. Irgendwo jenseits von Raum und Zeit. Man muss echt aufpassen, dass man nicht mit ihr abdriftet, wenn man danebensitzt. Ich glaube, in die Musik sind bestimmte Sequenzen eingewoben, die sich auf das Unterbewusstsein auswirken.

6. Wie kam Tanya Carpenter auf Ihre Spur?
 Sie hat ein Faible für religiöse und spirituelle Themen und vor allem dafür, wo sich beides miteinander verwebt und Auswirkungen auf Welt hat, die Stoff für einen Roman bieten. Irgendwie ist sie dabei über eine meiner Identitäten gestolpert, hat mich verfolgt und mich bei meinem Job beobachtet. Alles aus dem Verborgenen heraus. In Kontakt getreten ist sie erst sehr viel später mit mir. Ich denke, erst, als sie sicher war, welch Geistes Kind ich bin.

7. Wissen Sie, ob sie sich Ihre Opfer immer auf diese Weise aussucht, entstehen ihre Geschichten immer so?
 Das kann ich mir gut vorstellen. Wie gesagt, sie ist darin sehr geschickt, jemanden aus dem Verborgenen zu observieren, bis sie herausgefunden hat, was sie wissen will. Aber ich muss auch eine Lanze für sie brechen, denn früher oder später nimmt sie zu jedem ihrer Chars Kontakt auf und sie geht zu uns allen eine sehr enge Bindung ein, die nicht mit dem Abschluss der Geschichte endet. Das empfinde ich schon als etwas Besonderes. Wir werden Teil ihrer Familie.

8. Mal unter uns: Wieso führe ich das Verhör mit Ihnen, was macht Sie so besonders für Tanya Carpenter?
 Weil sie im Grunde ihres Herzens weiß, dass sie sich auf mich verlassen kann und ich zumindest keine Geheimnisse ausplaudere, die unbedingt welche bleiben müssen. Auch wenn ich mich schon recht weit aus dem Fenster gelehnt habe, wie ich zugeben muss. Davon abgesehen glaube ich, entspreche ich der Sorte Mann, zu der sie aufblicken und die sie auch bedingt an sich heranlassen würde. Wenn die Umstände andere wären. Jedenfalls tauchen Typen, die man nicht auf den ersten Blick einordnen kann und die weder wirklich gut noch wirklich böse sind, ständig in ihren Geschichten auf und bekommen dort bedeutende Rollen, das ist schon irgendwie bezeichnend, oder nicht? Harte Schale, weicher Kern und umgeben von Geheimnissen.

9. Schauen wir uns doch einmal die Beweise an: Was wird sie als Nächstes tun? Woran arbeitet sie wohl gerade? Heckt sie einen Plan zur Ergreifung der Weltherrschaft aus? Wann werden wir neue Hinweise erhalten?
Ich glaube, sie schreibt ganz bewusst immer zeitgleich an mehreren Projekten, um den heimlichen Beobachter zu verwirren. Je unterschiedlicher die Titel sind, umso besser, weil dann niemand mehr eine klare Richtung findet, wenn er ihren Browser-Verlauf auslesen will oder Informationen in ihren Mails und zuletzt verwendeten Dokumenten sucht. Clevere Taktik. Wenn ich im Augenblick alles auf einen Punkt bringen wollte, wäre es ein hocherotisches Endzeitszenario in einer Märchenwelt. Passt nicht zusammen, meinen Sie? Sehen Sie, genau das meine ich damit. Spuren verwischen und den Feind verwirren.

Knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück ...



10. Ein herzliches Dankeschön an Cyril Bergin für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Cyril Bergin gesagt wurde.
Nicht nur bei meinen Werken gelingt es mir, falsche Spuren zu legen, wie ich gerade festgestellt habe. Also bilde dir bloß nicht zuviel darauf ein, dass du dieses Verhör bestreiten durftest, mein Lieber. Und jetzt pack zusammen, damit wir hier wegkommen, wir haben schließlich noch einiges vor. 


Mehr zur Autorin erfährt man auf ihrer Homepage oder auf ihrer Facebookseite. "Das Ikarus-Evangelium" ist bei Bookshouse erschienen.

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