Donnerstag, 4. August 2016

[Rezension] Wir waren keine Helden - Candy Bukowski (by Key)

Wir waren keine Helden , Candy Bukowski
edel und electric, 2016

Preis: 6,99€
EBook: 236 Seiten
ISBN:  978-3-96029-006-3

… Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren…

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman, startend in den 80ern am „Arsch der Welt“, wo für Sugar mit dem Punker Pete, später auch mit Luke und Silver, Beziehungen für ein ganzes Leben beginnen.
Eine rasante Reise durch das Reifen, Erwachsenwerden und Erwachsensein in vielen Etappen, oft im Grenzgang, immer auf der Suche nach stimmigen Antworten …
Candy Bukowski legt mit ihrem Romandebüt das Leben und Lieben auf den Seziertisch. Wild, mutig und schonungslos setzt sie das Messer an und bringt dabei mit leichter Hand und geschliffener Sprache eine Menge Tiefe zum Vorschein.


Meine Meinung: 
Punk ist - Die Ärzte (1999)


"Rette den letzten Fetzen unverletzter Haut."
Mein Highlight 2016 haben wir dann wohl gefunden. Dank dem edel&electric Verlag, der sich diese Wortakrobatin aus den ganzen Self Publishern gefischt hat. Schätze, ich sollte diese Rezension meiner Mutter widmen, die per Bukoswki Definition eine dieser Schiffsbekanntschaften wäre. Ich sah meine Mutter stets als Löwin, als kämpfende alleinerziehende Rechthaberin. Stichwort: "Machtwort!" Doch Candy Bukowski nennt sie 'Keine Heldin'. Und sie hat Recht. Denn auch ich habe meine Mutter am Boden gesehen, auch wenn sie es gut versteckt hat, diese Eremitin.

So geht Ich-Perspektive (oder doch 'wir'?) und ein Roman wie dieser stellt, für meinen Geschmack, die einzige zu verwendende Form dar. Solche Romane dürfen das. Denn sie erzählen dir entlang eines Fadens (ob er rot ist - oder idyllisch rapsgelb - ist egal), an dem Knötchen befestigt sind, ein Leben und viele andere. Manchmal zusammenhängend und überleitend: der leere Kühlschrank wenn der Vater auszieht und der Weißmöbelverkäufer mit dem man einen Griff ins Klo landet. Manchmal mit Zeitsprüngen dazwischen die man mit einem Schmollen liest, da man zu gerne noch viel mehr erfahren hätte.


"...die Welt war magic, 
wenn wir sie dazu machten."
Eingefasst sind die in Episoden unterteilten Lebensabschnitte in keine übergeordnete Rahmenhandlung sondern in temporäre Songs, die bei mir bis auf eine Ausnahme alle auf der eigenen Festplatte zu finden sind. Angefügt ist auch eine spotify playlist.
Der Soundtrack funktioniert jetzt folgendermaßen: Jedes Kapitel hat ein Lied vorangestellt - das ist zwar längst ausgelaufen bis man die Worte durchgelesen hat, aber es ist jedes Mal stimmig untermalend. Wie zum Beispiel: "3 Die Lara Croft der 80er - Survivor "Eye of the tiger" (1983)" Rückwirkend schließe ich daraus auf das Cover und kann mir an dieser Stelle ein herzhaftes: "ADRIAN!!!" nicht verkneifen.

Tatsächlich befinden sich in meinen Notizen beinah ausnahmslos Zitate. Was bei: "ich - das Pubertier" beginnt, über "den Griff in den Sack voll Sonnenschein" und dann immer weiter geht, mal zynisch, mal lebensnah, mal philosophisch, auf Lyrik bezogen oder einem vorkommt, als wäre Frau Bukowski verantwortlich für den ein oder anderen FaceBook Meme. Ich möchte euch einfach mal ein paar davon kredenzen, denn das stellt für mich in weiten Teilen in diesem Buch das A und O.
"dreckig geht immer, Saubermänner werden wir noch früh genug", "ein halbes Leben voller Dienstage", "und jeder schnitzt sich selbst seine Breitseite", "du hast drei Asse im Strumpfband und das Leben spielt Schach", "bis sich das Fragezeichen in einen Imperativ verwandelt", "das Leben ist einfach, wenn man es einfach sein lässt" und mein Liebling: "feuchte Wände und trockene Träume" und "wir sind keine Prinzen und Prinzessinnen, wir sind selbst die Drachen"


"Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg gekickt
und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden,
dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung
.
"
Über die Kindheit wird nicht groß Wort verloren, begonnen wird auf einer Ranch am Ortsausgangsschild in der Jugend. Zu einer Zeit in der ich geboren wurde, Protagonistin Sugar schon Latein paukt. Kurz darauf fällt ein Punk auf eine Bushaltestelle und lässt es sich nicht nehmen in der 'Ist-Zeit' zu leben. Und das in der Umgebung von geschützten Bedingungen um den Traum der Freiheit zu verinnerlichen und sich vorzunehmen alles irgendwie anders zu machen. Ein wenig Flucht, ein Suchen, ein Ankommen, Umwege. Es geht um das Sortieren von Büchern in Regalen nach Farben, den intergalaktischen Ohrfeigenautomaten, Luxushasen und Küchenaquarien, eingefrorene Revolutionen, Ansprüche auf das Glück, Rilke und Umberto Eco, Zeit - es geht um so viel Zeit -, frusthässliche Gefühle, sich zum Narren machen, das Zusammensein, das nach vorn Streben, um Sepia-Erinnerungen im Herzen, und Einparken in selbige rechte Kammer, über die Poesiealben von Helden, über historisches: die unspektakuläre Jahrhundertwende, die Windsbraut in kursiv, über Spinnengleichnisse, über die verdammte pissgelbe Raucherumrandung die wir alle ignorieren - Rebellen die wir sind!, um Kapitulation und Zweifel - und am Ende… am Ende wollen wir einen Satz: "Und es war doch ein verdammt geiles Leben."

Von vorne bis hinten ist dieses Werk 'durch'. Durch mit allem, auch der Rechtschreibung und etwaigen Tippfehlern. Exemplarisch möchte ich hier mal auf etwas hinweisen. Vielleicht liege ich völlig falsch, aber vielleicht erkenne ich da auch etwas was nicht so geplant war, bleibt ja mir überlassen.
Die ultimative Lobhudelei und Liebeserklärung auf diese eine beste Freundin, die verwandte Seele, die man nicht täglich anrufen muss, die aber immer da ist; mit der man nie in den Urlaub fährt, aber mit der man alt werden wird. Bei all dem was diese Beste schon für die Protagonistin getan hat, erscheint es mir das Mindeste, dies zu schreiben, solche Freunde kannst du nicht in Gold aufwiegen:
"Ich will dorthin, ich will es mal gesehen haben, ich will die 45.Avenue entlanglaufen, nach Manhatten und in die Bronx, und deshalb habe ich seit Jahren ein NY-Kissen der Besten von allen in meinem Bett liegen und schlafe jede Nacht darauf, bis wir zusammen dort sein werden. . Und wenn wir bis dahin etwas anderes wollen, werden wir eben woanders sein, aber ein Plan zur groben Orientierung kann ja nie schaden." Seht ihr auch diesen Satzendepunkt? Ohne, dass dieses Satzzeichen einen Satz hat? Was bedeutet er? Was fehlt hier (und fehlt es wirklich oder ist es da)? Ein: 'Ich liebe dich.' vielleicht?
 

Fazit: 


Buch erhalten, halb gelesen, beschlossen schon die ganze Palette an Gefühlen mitgemacht zu haben. Schicksalsschläge, abstreiten, einsehen, hinfallen, (Krone richten) aufstehen, weitergehen. Wohin? Egal - nur Los! und nach vorn. So und nicht anders wurde es mir beigebracht und vorgelebt. So und nicht anders habe ich (wenn auch jünger) meinen Teil der Gelassenheit gefunden, auch ohne die Leuchtbuchstaben gegenüber. Das waren bei uns sowieso immer nur Baukräne mit nem B. Unvergessen meine Oma: "Komisch, guckt mal, der Mond sieht heute aus wie ein 'B'." Was auch immer sie wohl in diesem Moment gesehen hat. Kann ja doch sein, dass das Leben uns hier und da Zeichen schickt und wir sie nur selbst mit einer Sinnebene füllen müssen.

Die berühmten Fragen: Würdest du dein Leben noch einmal genauso leben, wie du es getan hast? Wann ist man ein Held und für wen? Wie funktionieren Beziehungen - scheitert man jämmerlich anders, wenn man kein normales Paar ist aber scheitern ist nicht verhandelbar? Was zählt wirklich, wen vermisst du?
Gekonnt in Worte gefasst von einer Meisterin der deutschen Sprache. Ich muss, ich sollte, ich kann, ich werde dieses Buch weiter empfehlen. Das ist doch kein ComingOfAge-Roman. Aber was weiß ich schon, ich lese diese Sparte ja kaum. Für mich… ist das Punk.
"Ich sag' Dir:
Mach' Dein Ding, steh' dazu. Heul' nicht rum, wenn andere lachen."
(Die Ärzte - Punk Ist)

Mein Urteil: Musssollkann



PS: "Geil" sagen nur noch Assis.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...