Sonntag, 9. Oktober 2016

[INTERVIEW] Daisy Lancaster über Ladina Bordoli

Ladina Bordoli
 Daisy Lancaster, die einzige weibliche Heldin des SteamPunk-Romans «Die Lazarus Verschwörung», hat sich bereit erklärt, dieses Interview zu führen. Daisy landete durch einen unglücklichen Zufall, wie sie es selbst beschreiben würde, in einem Kloster in London. Dort fristete sie nun ein für ihren Begriff eher tristes und uninspiriertes Dasein. Aus demselben Grund, aus dem sie sich auch für die Teilnahme an dem verruchten und legendären «Lazarus-Rennen» entschied, willigte sie nun zu diesem Interview ein: Abenteuerlust! Daisy kann es – neugierig wie sie ist – außerdem kaum erwarten, endlich einmal den Spieß umzudrehen und ihrer Schöpferin und Autorin, Ladina Bordoli, Löcher in den Bauch zu fragen. Dies tut sie meistens ohne große Umschweife und gepfeffert mit eigenwilligen Kommentaren …

Wir bitten darum, nicht zu filmen oder zu fotografieren und alle Handys auszuschalten. Diese Wunder der modernen Technik könnten unseren heutigen Gast aus der Fassung bringen, und das wollen wir ja nicht. Also, Miss Daisy Lancaster, dürfen wir dir eine Tasse Tee anbieten, bevor wir mit den Fragen beginnen?
Jetzt fängt das schon wieder an – das mit dem Tee. Wie ich schon dem alten Samuel bei unserem ersten Treffen in London sagte, verstehe ich nicht, warum man jemanden herbestellt und ihn dann mit aromatisiertem Wasser vertröstet, wo es doch Wichtigeres zu tun gäbe! Ich würde sagen, legen wir los, denn in ungefähr einer Stunde ist Zeit fürs Abendessen und das will ich nicht verpassen.

1. Stell uns Ladina Bordoli doch erst einmal kurz vor.
Fangen wir mit den langweiligen Dingen an: Ladina wurde in einem kleinen Tal in den Schweizer Alpen geboren und lebt noch heute dort – dennoch hat sie wenigstens eine rudimentäre Vorstellung davon, wie es in London, wo ich herkomme, aussieht. Mehr Fragen habe ich ihr zu ihrer «klassischen Biographie» nicht gestellt, denn die kann jeder halbwegs vernünftige Mensch auf ihrer Website (was auch immer das ist) nachlesen. Mich – und euch vermutlich auch – interessieren eher jene Dinge, die sie nicht jedem erzählt. Es kostete mich zugegebenermaßen auch einiges an geheuchelter Höflichkeit, um die Informationen, die ich haben wollte, aus ihr herauszuquetschen. Was ich bis jetzt über sie sagen kann:

Nun, gewisse Gemeinsamkeiten mit mir sind gottlob vorhanden. Wie ich, ist Ladina eigensinnig (und damit meine ich nicht stur, denn das beherrscht sie im Gegensatz zu mir nicht). Wir sind beide Wanderer auf der Suche nach Wissen, wobei eine gewisse Faszination für die Mystik nicht von der Hand zu weisen ist. Allerdings – und da sind wir uns auch einig – hat die Realität im Notfall Vorrang. Bei meinem Kollegen Alaric Moore, dem Troubadour, sieht man ja, wo das hinführt, wenn man die Ewigkeit erblickt und dann nicht mehr zurück auf den Boden der Tatsachen findet. Das ist übrigens ein Punkt, in dem Ladina und ich uns unterscheiden, was zeitweise zu hitzigen Diskussionen führt. Meine Geduld mit Alaric ist rasch erschöpft, v.a. wenn er durch seine schusselige Art die gesamte Mission gefährdet. Ladina … nun, sie hat irgendwie ein Herz für Versager, wie mir scheint (sie würde mir nicht einmal erlauben, das Wort «Versager» zu verwenden). In ihren Augen ist der «sensible Künstler», wie sie Alaric nennt, ein Wesen, das aufgrund seiner «Herzensweisheit» das Potential zum Helden in sich trägt. Sie scheint ihn sehr zu mögen. Ich muss wohl nicht zusätzlich erwähnen, dass ich das schwachsinnig finde. Womit wir beim nächsten Thema angelangt wären: Hin und wieder würde es Ladina gut tun, wenn sie mal mit einem imaginären Regenschirm – oder ich könnte ihr selbstverständlich auch meinen, die «Kobra», ausleihen – um sich schlagen und einige Schmarotzer aufspießen würde. In der heutigen Zeit soll man für solche «Zwischenfälle» ja nicht mehr ins Kloster gesteckt werden. Sie würde dieses Ansinnen natürlich nicht gutheißen, denn neuerdings übt sie sich in Geduld und Gelassenheit, wie sie mir sagte. Was noch? Nun, sie isst andauernd – wie ich. Das ist absolut essentiell – wie will man denn einen klaren Gedanken fassen, wenn der Magen so laut grummelt, dass man seine eigenen Worte im Kopf nicht mehr hört? Aus Erfahrung rate ich euch einfach: Lasst euch nicht von ihr bekochen – ich bin sicher, dass das in unseren Breitengraden niemand schlechter hinkriegt als sie. Mit Maschinen hat sie es ja auch nicht so besonders. Ich bin dankbar, dass nicht sie die «Chimaira» gesteuert hat. Sie fährt so ein futuristisch anmutendes Automobil … und das ohne jegliches Talent. Cliff, unser Erfinder, wäre bestürzt, könnte er sie sehen. Rette sich wer kann!

2. Was denkst du über Ladina Bordoli, wie findest du sie? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihr findest, wofür du sie beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?
Nun, einiges habe ich ja schon erwähnt. Aber wenn du mich jetzt gerade so direkt fragst … ? (Kann ich wenigstens einen von den Keksen haben, wenn ich den Tee schon nicht trinken mag? Danke!)
*Kauend*: Ich denke, dass wir uns grundsätzlich gut verstehen. Wenn es draufankommt, kann man sich auf Ladina verlassen und auf ihre Mithilfe zählen. Sie ist jemand, der sein Wort hält und sich für eine Sache, ohne die Konsequenzen zu scheuen, einsetzt. Müsste ich nochmals an einem «Lazarus-Rennen» teilnehmen, würde ich sie auf jeden Fall mitnehmen – wie gesagt nicht, um die «Chimaira» zu steuern, das können andere machen. Beneiden tue ich sie um nichts, das ist weder ihre noch meine Art. Menschen wie wir haben so viele Leidenschaften, die uns auf Trab halten, dass keine Zeit bleibt, andere für ihre Errungenschaften zu beneiden – wir empfinden für die Leistungen des jeweils anderen eher Respekt. Dennoch gibt es natürlich Dinge, die ich an Ladina nicht ausstehen kann. Von ihrer Nachsicht gegenüber meinem Kollegen Alaric habe ich ja schon berichtet – eine Schwäche, die eine Frau ihres Schlags eigentlich gar nicht haben dürfte. Manchmal macht sie sich endlos viele Gedanken – zum Mond und zurück, über fast alles. Da muss ich dann hin und wieder ein Machtwort sprechen und das Rumoren in ihrem Hirn zum Stillstand bringen. Sie macht mich sonst noch komplett irre mit ihren hunderttausend möglichen Perspektiven und Varianten. Was ich ihr allerdings definitiv austreiben muss – zur Not auch mit Gewalt, ich erinnere an meinen Regenschirm, die «Kobra» –, ist Folgendes: Sie muss lernen, Nein zu sagen. Nicht «Jein» oder «ich überlege es mir noch», einfach ein unbarmherziges, kompromissloses Nein. Ab und zu ist das Balsam für die Seele. Daran arbeiten wir noch.

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihr, was tut sie, wenn sie nicht schreibt?
Oh das (lacht) … dann liest sie wie eine Bekloppte Bücher. Das hingegen ist eine Leidenschaft, die wir teilen, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht rügen darf. Im Sommer verbringt sie die meisten Wochenenden in Italien, in ihrer Ferienwohnung am Comersee. Da starrt sie stilldenkend ins Leere und schmunzelt hin und wieder, wenn sie in den Wolkenformationen irgendwelche irrwitzigen Figuren ausmachen kann. Ja, sowas Idiotisches tut sie manchmal, wenn sie sich von mir unbeobachtet fühlt …
Natürlich genießt sie auch hin und wieder die Gesellschaft ihrer Freunde und ihrer Familie. Im Kern ihres Wesens mag sie ein Einzelgänger sein, aber sie liebt die Menschen und ihre Geschichten. Etwas, das ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann …

4. Hat sie ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?
Nein, sie hat kein Vorbild. Das ist ein Zug, den ich an ihr sehr mag. Wie ich hat sie sich dem Rebellentum verschrieben und solche Menschen folgen niemandem. Sie honorieren und respektieren die Leistungen anderer; niemals aber machen sie die «Leistungsträger» zu Götzen. Sie sagte mir einmal: «Ich jage nach Essenzen, nach Fragmenten von Menschen, die mich persönlich berühren. Diese Splitter klebe ich dann zusammen. Es sind vor allem ethisch-moralische Dinge wie Großzügigkeit, Ehrlichkeit, Leidenschaft, Gelassenheit und Nachsicht gegenüber sich selbst und andern, die mich beeindrucken.»
*Hustet gekünstelt*: Gut, ich möchte mich da eigentlich eines Kommentars enthalten. Aber auf jeden Fall klingt diese Aussage, als könnte sie von meinem Kollegen Alaric stammen und wie ich dazu stehe, wisst ihr ja bereits.

5. Gibt es besondere Gepflogenheiten, die Ladina beim Schreiben an den Tag legt? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?
Wenn ich sie so beobachte, habe ich manchmal den Eindruck, dass sie selbst nicht genau weiß, was sie will – eine Charakterschwäche, die ich von mir selbst nicht kenne. Manchmal braucht sie Musik, dann wieder nicht. Einmal sollte sie herzerweichend sein wie das Saitenspiel unseres Troubadour-Freundes, dann wieder rockig. Meistens jedoch bevorzugst sie Stille – ich habe ja bereits erwähnt, wie zahlreich und wirr ihre Gedanken sind; da kann man sich von Musik leicht aus dem Konzept bringen lassen. Wenn sie ihre Stille-Anfälle hat, darf ich nicht mal Fragen stellen, sonst schnappt sie gleich nach mir – obwohl dieser Zug an ihr grundsätzlich sehr liebeswert ist *lächelt versonnen*.
Snack und Kaffee muss immer in Reichweite stehen, sonst erlahmen ihre Finger auf der Tastatur viel zu rasch. Neuerdings hat sie eine Schwäche für Duftkerzen, die ihr Denkvermögen anregen sollen – als ob das noch nötig wäre. Aufgrund dieser jüngsten, wenig erfreulichen Entwicklung, befürchte ich manchmal, sie könnte verweichlichen …

6. Wie hast du sie kennengelernt?
Eine Daisy Lancaster lernt man nicht kennen. Ich wähle die Würdigen aus und spreche bei den Glückspilzen vor. So läuft das. Daher bin ich in Ladinas SteamPunk-Roman «Die Lazarus Verschwörung» auch die erste Person, die dem Leser vorgestellt wird. Alaric hätte sich ja am liebsten verkrochen, damit man ihn weder sieht noch hört. Cliff und Ben waren wie immer in einen wissenschaftlichen Streit verwickelt, sodass sie gar nicht gemerkt haben, dass sie beobachtet wurden. Wie ich vermute, will man den Leser ja auch bei Laune halten. Es wäre taktisch also sehr unklug gewesen, eine andere Person an den Anfang des Buches zu stellen.
Ausschlaggebend dafür, dass ich die Rolle in Ladinas Roman angenommen habe, war jedoch die Tatsache, dass sie mir nicht schon zu Beginn unseres Gesprächs einen Tee angeboten hat. Sie kam gleich zur Sache, wollte wissen, wer ich bin und was mir schon alles widerfahren ist.

7. Weißt du, ob es bei ihr immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen?
Ich glaube, es kommt oft vor, dass sich ihr die Figuren vorstellen. Einige sollen sich sogar erdreisten, ihr im Traum zu erscheinen. So ein Verhalten wäre mir jedoch nie in den Sinn gekommen, weil ich es als respektlos empfinde, einer Dame ihren Schönheitsschlaf zu rauben. Müssen wohl mehrheitlich Herren gewesen sein, die sowas gemacht haben. Mangels Verständnis. Auch sollen sich manche Charaktere mitten beim Essen oder während Gesprächen in ihr – ohnehin schon überbeschäftigtes – Hirn drängen. Eine absolute Frechheit, wie ich finde.

8. Einmal ganz direkt gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Ladina so besonders?
Habe ich das nicht eben versucht, zu erklären? Ich bin die erste Person im Buch und außerdem die einzige Frau, die einen Fuß in die «Chimaira» gesetzt hat. Dazu kommt noch, dass Alaric bei der Erwähnung eines Interviews so bleich geworden ist, dass wir fürchten mussten, er werde auf der Stelle ohnmächtig. Cliff und Ben hatten aufgrund ihrer neusten (geheimen) Projekte keine Zeit. Aber auch wenn sie welche gehabt hätten, vermute ich, dass ich ausgewählt worden wäre. Ich bin schließlich die Einzige in diesem Lazarus-Zirkus, die sich getraut, die Wahrheit zu sagen. So ist das.

9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Ladina bereit? Wie sieht der momentane Stand ihrer Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?
Ja natürlich. Sie hatte ja kaum Zeit, sich meinen Fragen zu stellen, so beschäftigt war sie! Es sind bereits zwei weitere Romane im Niemandsland zwischen Abgabe und Veröffentlichung – ein Young-Adult-Romance-Projekt und ein Romance-Vampir-Roman. Dasselbe gilt für zahlreiche Anthologie-Projekte, die aufgeregt darauf warten, das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Aktuell schreibt sie an einem Frauenroman mit einem Familiengeheimnis und einer Liebesgeschichte. Der Roman soll in ihrer Heimat, dem Prättigau spielen.

10. Ein herzliches Dankeschön an Miss Daisy Lancaster für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Daisy gesagt wurde.
Besten Dank für diese Gelegenheit. Ich finde, Daisy hat die Fragen in ihrer gewohnt kühnen, schnörkellosen Art beantwortet und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihre schonungslose Ehrlichkeit ist immer wieder verblüffend, bzw. erfrischend. Leider kann ich ihr nirgends widersprechen, auch wenn ich hin und wieder eine etwas moderatere Darstellung der Tatsachen bevorzugt hätte … Damit ich etwas besser dastehe. *Zwinkert*

Aus Daisys Kommentaren möchte man schließen, dass sie eine tiefsitzende Abneigung gegen ihren feinfühligen Kollegen Alaric hat. Ich als Schöpferin der Geschichte weiß jedoch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Daisy verbirgt unter ihrem Harnisch durchaus einen weichen Kern, aber das würde sie niemals zugeben – schon gar nicht in einem Interview.

Wie für Daisy und ihre Schicksalsgenossen, war «Die Lazarus Verschwörung» für mich ein riesengroßes Abenteuer! Wenn auch ihr Lust habt, euch auf eine heldenhafte Reise ins London des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu begeben, dürft ihr euch vertrauensvoll an Daisy Lancaster wenden – sie wird mit ihrem umfunktionierten Regenschirm «Kobra» dafür sorgen, dass euch kein Leid widerfährt!



Der Roman "Die Lazarus Verschwörung" ist im Fabylon-Verlag erschienen. Wer mehr über die Autorin erfahren möchte, kann sie auf ihrer Homepage, bei Facebook, Google+ oder Instagram besuchen.

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