Sonntag, 11. Dezember 2016

[INTERVIEW MEERKATZEN] Silver über Ladina Bordoli



Ladina Bordoli

Quicksilver, den seine Freunde (sofern er denn welche hat) «Silver» nennen, ist der männliche Protagonist in der Kurzgeschichte «Das Kind mit der fremden Sprache» (Anthologie «Meerkatzen»). Silver ist ein friedliebender, etwas pummeliger Kater, der seiner vifen Gefährtin Roxy wegen seiner trägen und schusseligen Art oft auf die Nerven geht. Obwohl er sich aufgrund seiner Erfahrungen mit Roxy vor Frauen fürchtet, hat er sich bereit erklärt, seine Schöpferin, Ladina Bordoli, zu interviewen. Zu Silvers großer Erleichterung hat er mit Ladina mehr Gemeinsamkeiten als anfänglich vermutet.

1. Stell uns Ladina Bordoli doch erst einmal kurz vor. Gibt sie dir genug zu essen? Lässt sie dich regelmäßig nach draußen?
Ladina wurde in einem kleinen Tal in den Schweizer Alpen geboren und lebt noch heute dort. Sie hat bereits im zarten Alter von sieben Jahren mit dem Schreiben begonnen – sprechen konnte sie zum Leidwesen ihrer Eltern schon viel früher. Ich quatsche ja auch viel – meistens übers Essen – aber sie … beim heiligen Katzenpascha … ich fühle mit ihrer Familie! Nun, was sie sonst noch alles gemacht hat in ihrem Leben, könnt ihr bequem auf ihrer sonnengelben Website nachlesen. Das meiste davon verstehe ich sowieso nicht. Wir Katzen sind ja so intelligent, dass wir gar nicht erst zur Schule – oder wie sie diese seltsame Institution nennt – müssen.

Oh ja, zu essen gibt mir Ladina mehr als genug. Deshalb habe ich sie auch sofort in mein übergewichtiges Herz geschlossen! Dieses Thema ist ihr enorm wichtig. Ladina soll nämlich ein entsetzlich nerviges Kind gewesen sein, weil sie ständig und regelmäßig «gefüttert» werden musste. Von Insidern weiß ich allerdings, dass das trotz ihrer mittlerweile zweiunddreißig Jahre nicht merklich gebessert hat. Roxy würde sagen, dass sie einen genetischen Defekt hat – so wie ich.

Ladina lässt mich nicht nur regelmäßig an die frische Luft, sondern begleitet mich auch sehr gerne auf meinem täglichen Ausflug! Sie wohnt in der Nähe von satten, grünen Wäldern und duftenden Wiesen. Da sie eine sitzende Tätigkeit ausübt, lässt sie es sich nicht nehmen, am Mittag einen Spaziergang – egal bei welchem Wetter – zu machen.

2. Was denkst du über Ladina, wie findest du sie? Gibt es etwas, was du besonders toll an ihr findest, wofür du sie beneidest? Oder etwas, was du so gar nicht leiden kannst?
Ich denke, im Kern ihres Wesens ist Ladina ein Menschen- und Tierfreund. Sie respektiert die Schöpfung mit all ihren Bewohnern – etwas, was man von meiner Gefährtin Roxy nicht gerade behaupten kann. Die nörgelt nämlich ständig an mir herum! Da Ladina und ich eine große, gemeinsame Leidenschaft – das Essen – haben, könnte ich mir vorstellen, für immer bei ihr zu bleiben. Sie schaut auch wahnsinnig gerne Filme oder liest ein Buch, während sie sich ein Glas Wein und etwas zum Naschen (!!) gönnt *wedelt euphorisch mit dem Schwanz*. Ich habe definitiv schon an schlimmeren Orten gelebt …

Beneiden tue ich sie nicht – ist das nicht ein böses Gefühl? Ich denke schon … ich muss mal Roxy fragen, wenn ich zurück auf Fuerteventura bin. Aber ich befürchte, Neid ist keine lobenswerte Sache.

Was ich nicht leiden kann an ihr? Nun, ich bin es ehrlich gesagt nicht gewohnt, Ansprüche zu stellen – Roxy würde mich zuerst zu Tode starren und dann kurzerhand über die Klippe werfen, sollte ich so etwas wagen. Von daher: Was auch immer Ladina für richtig hält, ich finde es auch gut … außer … Eine klitzekleine Sache wäre da vielleicht: Wenn sie schlechte Laune hat (und dafür gibt es verschiedene Gründe), kann sie furchtbar wütend werden. Wer ihren heiligen Zorn auf sich zieht, dem sei der Himmel gnädig! Sie erinnert mich dann fast ein bisschen an meine cholerische Kollegin Roxy, nur dass Ladinas Augen nicht von einem glühenden Gelb, sondern einem allesverschlingenden Schwarz sind. Ehrlich gesagt … man könnte sich in solchen Moment ein wenig fürchten …

3. Du verbringst doch viel Zeit mit ihr, was tut sie, wenn sie nicht schreibt?
Dasselbe wie ich! Sie bring ihr Fell in Ordnung – waschen, glattstreichen, glanztrocknen (sie benützt dafür allerdings nicht ihre Zunge, sondern so ein seltsames Warmluft-Vehikel). Wenn ihr Haarkleid soweit passt und alles gut duftet, widmet sie sich dem löblichen Nichtstun. Gut … das kommt natürlich nicht sehr oft vor, vielleicht einmal im Monat. Ansonsten steckt sie ihre Nase in ein Buch, wälzt neue Geschichten in ihren Gedanken oder trifft Freunde. Mit diesen redet sie dann wie ein Wasserfall, als hätten sie sich mindestens ein Jahrhundert lang nicht gesehen. So ein Menschenleben muss aber auch furchtbar ereignisreich sein, wenn es darüber stets so viel zu berichten gibt!

4. Hat sie ein Vorbild? Schriftstellerisch oder auch im »normalen« Leben?
Nee *schüttelt den Kopf*. Ach wie soll ich sie beschreiben, um sie nicht zu verletzen? Sie hat diese unangepasste Widerspenstigkeit. Es existieren nur wenige Leute, auf deren Ratschlag sie überhaupt hört. Aber es gibt durchaus Dinge oder Charaktereigenschaften, die sie an ihren Mitmenschen bewundert: Gelebte Hingabe (egal für was), Nachsicht, Nächstenliebe, Großzügigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Menschen, die sich diesen Feinheiten widmen, lässt sie gerne in ihr Leben. Allerdings würde es ihr nie in den Sinn kommen, sie auf ein imaginäres Podest zu stellen und ihnen in irgendwelcher Weise nachzueifern. Sie glaubt, dass jeder Mensch auf seine Weise einzigartig ist und dass es eines jeden Bestimmung ist, in erster Linie «sich selbst» zu sein. Ich wünschte, meine Freundin Roxy würde ihre Einstellung teilen …

5. Gibt es Rituale, die Ladina beim Schreiben anwendet? Das Hören bestimmter Musik oder vollkommene Stille, etwas Bestimmtes zu Essen, das in Reichweite stehen muss?
Das ändert andauernd, was mich zeitweise sehr verwirrt. Ich weiß dann gar nicht so recht, was ich jetzt darf und was nicht. Manchmal will sie Musik (aber nur sehr leise), dann wieder nicht. Es gibt Tage, da ist ihr selbst mein Schnurren zu laut – und ich meine es ja nur gut! Auf ihrem I-Pot (diesem komischen, technischen Schnickschnack-Ding) herrscht ein Durcheinander an Musikrichtungen, das an einen russischen Salat erinnert. Ich würde ja nicht einmal in Betracht ziehen, sowas zu essen – den Salat, meine ich. Im Gegensatz zum Musik-Chaos kann ich mit ihren meist salzigen Snacks schon eher etwas anfangen. Sie mag Süßes nicht besonders, müsst ihr wissen. Und ich auch nicht. Nachmittags trinkt sie beim Schreiben eher Kaffee, damit sie wach bleibt (während ich mich dann auf die Couch verziehe, weil das Klimpern der Tasten mich einlullt …). Sollte ihre Geschichte gegen Abend jedoch gerade einen kritischen Punkt erreichen, bei dem sie die Figuren derselben unmöglich einfach sich selbst überlassen kann, trinkt sie auch gerne ein Glas Rotwein. Eigentlich wäre aber die Meinung, dass sie das mit mir zusammen auf dem Sofa genießt, während wir uns einen guten Film für den Abend aussuchen *seufzt*.

6. Wie hast du sie kennengelernt?
Sie hat mich gefragt, ob ich in ihrer Geschichte die männliche Hauptrolle übernehmen wolle. Erst später verriet sie mir, dass dieser Entscheid für sie mit einem persönlichen emotionalen Erlebnis verbunden sei. Ich erinnere sie nämlich sehr stark an den Kater, den sie und ihr Bruder einmal hatten, als sie noch Kinder/Jugendliche waren. Ebenso wie meine Freundin Roxy, deren wütend peitschender Schwatz legendär sein soll …

Die beiden Katzen, die ihr während ihrer Kindheit und Jugend treue Begleiter waren, durften beide altershalber einschlafen. Dennoch vermisst sie die beiden nach wie vor sehr – wie sie mir gestand. «Garfield» und «Amadea» erinnern Ladina stets an die Vergänglichkeit der Dinge und an die sorglose und sonnige Zeit ihres Teenager-Daseins.

7. Weißt du, ob es bei ihr immer so ist, oder ist es bei anderen Geschichten und deren Charakteren anders abgelaufen?
Soweit ich weiß, ist das mit mir und Roxy etwas Besonderes. Wenn sie über Menschen schreibt, nimmt sie nie Personen, die im wahren Leben existieren. Bei den menschlichen Protagonisten ist es meistens so, dass sich eigene Charaktere bilden und vorstellen. Die bestehen aus allen möglichen Komponenten. Diese eigenständigen Figuren – so sagte mir Ladina – überfallen sie manchmal mitten im Alltagsgeschehen oder in ihren Träumen. Ich stelle mir das ehrlich gesagt furchtbar vor! Sie gibt zu, dass es manchmal belastend sein kann. Denn nicht immer kann sie mitten in einem Gespräch davonrennen und sich zu einem neuen Charakter Notizen machen. Sie muss ihn dann «imaginär bannen», wie sie es beschreibt.

8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Interview mit dir? Was macht dich für Ladina so besonders?
*Senkt die Stimme zu einem ehrfürchtigen Flüstern* Ich denke, es ist, weil ich sie an Garfield erinnere.
*Deutlich lauter* Und ich vermute, dass ihr Roxys unbeherrschte und explosive Art einfach zu anstrengend für ein Interview war. Weiß der heilige Katzenpascha, was diese ihr für indiskrete Fragen gestellt und welch unsensible Kommentare sie ihr an den Kopf geworfen hätte. Nein, ich bin sehr froh, dass Ladina mich zum Gespräch gebeten hat – sie erspart uns damit allen eine Menge Ärger … (aber bitte sagt Roxy nicht, dass ich das zu Protokoll gegeben habe, sonst verpasst sie mir gleich eine Ohrfeige!)

9. Werfen wir doch einen Blick in die Kristallkugel: Was hält die Zukunft für Ladina bereit? Wie sieht der momentane Stand ihrer Arbeit aus? Gibt es bald etwas Neues zu lesen?
Natürlich! Sie arbeitet fleißig an einem Frauenroman mit einem Familiengeheimnis und einer Liebesgeschichte – den soll sie noch Ende dieses Jahres abgeben. Nebenbei wartet sie gespannt darauf, dass ihr Young-Adult-Romance- und ihr Vampir-Romance-Projekt das Licht der Öffentlichkeit erblicken. In naher und ferner Zukunft warten auf Ladina noch zahlreiche weitere spannende Romane – so beispielsweise in den Bereichen Urban Fantasy, Classic Vampir und Krimi-Novelle.

Jüngst ist gerade ihr SteamPunk-Roman «Die Lazarus Verschwörung» erschienen.

10. Ein herzliches Dankeschön an Silver für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Silver gesagt wurde.
Besten Dank für die Gelegenheit. Ich fühle mich durch Silvers Antworten gut vertreten. Ich habe seinen Schilderungen nichts beizufügen. Besonders schön finde ich, dass er sich auch die Mühe gemacht hat, meine weichen Seiten respektvoll zu schildern. Das zeigt, wie sensibel der harmoniebedürftige Kater selbst ist.

Zum Schluss – und ich hoffe, dass das jeder teilnehmende Autor der Anthologie sagen kann – möchte ich die Leser darauf hinweisen, wie verträumt, lustig, abenteuerlich und vielfältig «Meerkatzen» geworden ist. Jeder Text ist außerdem mit wunderschönen Entry-Grafiken versehen – nichts Geringeres wäre einer wahren Samtpfote würdig. Für jeden, der Katzen mit all ihren Ecken, Kanten und unterschiedlichen Charaktereigenschaften ebenso liebt wie ich, ist diese Anthologie ein absolutes Muss.

Der Kater Silver kommt in der Geschichte "Das Kind mit der fremden Sprache" vor. Auf LITERRA könnt ihr hier schon einmal in diese Geschichte reinschnuppern.


Wer mehr über die Autorin erfahren möchte, kann sie auf ihrer Homepage, bei Facebook, Google+ oder Instagram besuchen.

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