Donnerstag, 11. Mai 2017

[Rezension] Niemand (by Key)

Niemand (Band 1), Nicole Rensmann
Fabylon, 2016  
Preis: 16,90€
TB: 296 Seiten
ISBN: 978-3-927071-96-4  

Neben unserer liegt eine Welt voller Mehrdeutigkeiten. Eine Welt, in der alles wörtlich genommen wird, in der Drecksäcke, Wurzelmännchen, Trauerklöße oder Laberköppe leben.

Dorthin verirrt sich Nina und begegnet – Niemand.

Niemand ist der künftige Herrscher von Niemandsland, doch sein eigener Vater – Niemand Sonst – will ihm den Thron streitig machen. Der Böse glaubt seinen Sieg sicher, wäre da nicht dieser leckerlieblichzuckersüße Erdbeerduft des Menschenmädchens, der alles durcheinanderbringt. Nina und Niemand finden Verbündete, die ihnen beim Kampf gegen Niemand Sonst helfen: eine ABK, Fräulein Klimper, den Nikolaus und viele mehr.

Nur auf eine Weise kann das Niemandsland vor der Vernichtung gerettet werden: Niemand muss seinen Namen erhalten. Aber welcher Name ist passend für einen jungen Herrscher? Auf der Suche nach dem perfekten Namen stößt Nina auf ein düsteres Geheimnis.


Meine Meinung: 
"Wo ist denn der Phrasendrescher?" (S.232)
Wow, das Buch war keine leichte Kost. Ich kann einfach nicht per se sagen, es war genial. Im Gegenteil, ich sollte es lieber direkt noch einmal lesen. Was zwei Dinge aussagt: Wenn ich ein Buch noch einmal lesen möchte, dann ist es gut. Wenn ich aber das Gefühl habe, es erneut lesen zu müssen, weil vielleicht noch nicht alles eingesickert ist, dann ist das nicht so gut. Genauso schwer mache ich es mir mit dieser Rezension. Manchmal liest man ein Buch und die eigene Meinung kann man danach runter schreiben, ohne einmal abzusetzen. Hier hadere ich mit mir.

Denn das Buch ist absolut nicht durchschnittlich, was sonst erklären könnte, wieso meine Begeisterung sich in Grenzen hält. Denn ich habe mich sauwohl gefühlt in der Geschichte und im Niemandsland. Ich war dann am Ende froh es geschafft zu haben, aber auch wehmütig gehen zu müssen. Noch schlimmer, das Buch hat mich nachhaltig geschädigt, ich kann kaum noch etwas ernst nehmen und das jetzt schon Monate nach dem ich es gelesen habe. Da wirklich alles wörtlich genommen wird, ist das ganz schön nervenaufreibend. Ich gebe euch nachher ein paar herausragend gute Beispiele.



"Wer spielt am Zeitschalter rum?" (S.178)
Erst einmal eine Bestandsaufnahme machen. Titelgebender designierter Herrscher ist Niemand, weshalb das ganze phantastische Land auch Niemandsland heißt. Und nicht etwa: Jammerlappenland, Trauerkloßland oder Fräuleinklimperland. Bevor wir uns nun aber in ein Abenteuer stürzen, betrachten wir zuvor die Landkarte. Die allein ist der Knaller, dort finden wir so schöne Fleckchen wie: „Geheimratsecke“, „Holzweg“ oder den „Arsch der Welt“. Und nur zur Vollständigeit: wer in Zukunft ins Bockshorn gejagt wird, jeniges welches befindet sich im Südwesten. Wir starten aber auf der anderen Seite des Reiches und finden Nina. Das Mädchen ist 14 Jahre jung und leidet am meisten darunter, dass ihre Schwester Suse (nicht zu verwechseln mit der „Heulsuse“) ihr andauernd die Schuld für alles in die Schuhe schiebt. Aus ähnlichem Grund bezieht Niemand klar Stellung (S.37): „laufe ich barfuß (…)“. Wer jetzt denkt, das wäre ein Flachwitz, der irrt sich. Dies ist nur eine der Pointen die man direkt sieht.

Tatsächlich frage ich mich dann Seitenlang, wann denn hier, vor lauter unglaublicher Wesen und lustigen (Ab)Sätze endlich mal die Handlung einsetzt. Ich lese immer und immer wieder wie wer riecht, wer vor wem sich in Acht nimmt, wann wo wer auftaucht und aus welchen Gründen nachts nicht. Die Frage ist nur, wann geht es hier los und wo soll es hin gehen. Nina will eigentlich (boah eigentlich!) nach Hause, aber Niemand riecht so lecker nach Pfefferminz, nicht so wie Niemand-Sonst nach „verfaulter Apfelkitsche und schimmeligen Butterkäse“. Dann denkt sich das Kind jedoch: Ach, den Edelsteinthron vorher noch anschauen, den Umweg machen wir einfach mal.
 

"Der Trauerkloß bringt mich um! Hilfe!
Niemand ist bei mir!
" (S.40)
Wieso, weshalb, warum? Weiß weder sie noch Niemand. Eine zarte Kinderliebe entspinnt sich im ‚My first (aber auf jeden Fall only) Love‘ Style. Es werden Freunde eingesammelt, bewegliche, verschwindende und wiederauftauchende. Wie zum Beispiel Pin und Nöckel, die Wimpernfee, die ABK oder der Drecksack. Dem gegenüber versucht vor allem Niemands Vater dieses fürchterliche, eklige Menschenmädchen los zu werden, denn die hat wirklich nichts hier zu suchen. Ein ganz anders Problem, als die familiären Zwistigkeit, der Neid und die Duckmäuserei aller anderen Bewohner des Landes bilden aber die Goldgelockten-Giganten-Greislinge, deren Vokabular sich auf den Umfang der Seiten im Duden beginnend mit ‚G‘ begrenzt.

Dann passiert so einiges, denn den Spaziergang samt Schloßführung hätte sich Nina bestimmt anders vorgestellt. Schließlich wachsen manche Nebencharaktere über sich hinaus, anderen wird die Luft ausgelassen, manche zu Gnocchi verarbeitet; es wird gestorben, geflogen, gerollt, paraphrasiert; Hauptsache wir wandern auf der Karte hin und her und her und hin, mal durch das Liebeswäldchen oder den Floskelwald, mal in die Löcher der Kreischzwerge und schließlich zum Haus vom Nikolaus und das alles nur zu einem Zweck: Niemand will doch nur Jemand werden und den leckerlieblichzuckersüßen Erdbeerduft an Nina schnuppern.



Fazit: 
Stilistisch wird hier viel ausprobiert, ganze Absätze einfach mal mit ‚G‘ beginnen, Neologismen, Querschläger auf Redewendungen und Phrasen. Alles mit neuen Sinnebenen belegen, Wortspiele kreieren und im besten Fall noch ein paar Andeutungen verstecken, die sich erst erlesen, wenn man es laut ausspricht. Mich wundert hier nur, dass die Phantastinaken nicht sprechen können, denn sonst ist so ziemlich alles belebt. Der Leser wird schlichtweg von all der Phantasie überrannt. Für die teilweise nur eine Seite umfassenden Kapitelunterteilungen sollte man sich Zeit nehmen, in Maßen lesen und vielleicht sogar ganze Abschnitte doppelt und dreifach, um alle Kniffe zu finden.

Was ich hier nicht verrate ist das Ende der Geschichte, leider hat dieses mir nicht gut gefallen, vor allem die Lösung der ‚Niemand zu Jemand‘ Problematik konnte mich gar nicht beeindrucken. Ich werde es sicher noch mal mit dem 2.Teil versuchen, wenn Nina „Dieses Pfui-Teufel-Bäh-Mädchen!“ (S.132) älter geworden ist und ich den beiden ihre Tändelei auch endlich im vollen Umfang abkaufen kann. Weniger Liebe, mehr Freundschaft und das ganze wäre ein tolles Jugendbuch mit zu anspruchsvollen Wortdreher- und Satzdrechslereien geworden. Bisschen älter Nina und Niemand und das Buch könnte outstandig werden. Daher liegt meine Hoffnung auf Teil 2.


Urteil: Drei Wünsche frei!




Niemand - Mehr! (Band 2), Nicole Rensmann
Fabylon, 2017  
Preis: 16,90€
TB: 352 Seiten
ISBN: 978-3-927071-97-1  

Hinweis: Timo Kümmel, der Illustrator, ist übrigens nominiert beim DPP.

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