Donnerstag, 20. Juli 2017

[Rezension] Luft nach oben - Nicolas Dierks (by Key)

Luft nach oben - Philosophische Strategien für ein besseres Leben, Nicolas Dierks
Rowohlt
, 2017
Preis: 14,99€
EBook
: 256 Seiten
ISBN
: 9783499631740

Klarer fühlen, klüger handeln, geistig wachsen!
Wie besinnen wir uns auf das wirklich Wichtige? Welche Fähigkeiten brauchen wir für ein gutes Leben? Und wie können wir Mut schöpfen und Veränderungen wirklich schaffen? Kann uns die Philosophie helfen, diese Fragen zu beantwor ten? Sie ist doch angeblich zu abstrakt und hat nichts mit dem wirklichen Leben zu tun. Im Gegenteil, sagt Nicolas Dierks, sie animiert uns, unsere Fähigkeiten zu entwickeln und für ein besseres Leben zu nutzen. Er begibt sich, mit über zwanzig Jahren Erfahrung und 2300 Jahren Philosophie im Gepäck, auf den rauen Boden der Wirklichkeit. Wie hilfreich sind die Einsichten von Aristoteles, Kant, Wittgenstein & Co im Alltag?


Meine Meinung: 
"Komm her, wird lustig!",

versprach mir der Autor. Wie viele andere verbinde ich Philosophie nicht gerade mit Lust oder Humor. Immerhin wusste ich jedoch schon durch „Was tue ich hier eigentlich“ (Eine Raupe kein Wurm, Key, merk es dir endlich!) vom Elfenbeinturm und Labyrinthen und wie man sie nicht gedanklich größer macht als sie sind. So Realitätsfern ist Philosophie doch gar nicht, meint der Autor und lässt seinen Leser über Anekdoten aus seinem Bekannten- und Familienkreis, sowie Beispielen wissen, dass es nicht so schwer ist alltagstaugliche Weisheiten aus der Philosophie zu ziehen. Mir selbst schwirrt vor allem die Kaffee-Geschichte im Kopf herum. Ich werde sie nicht los. Diese Anekdote und alles was da dran hängt.

Nein, das liegt nicht daran, weil unser Kaffeekocher in die Luft gegangen ist und ich mein Vorhaben die Küche in Zitrone, Limette, Orange zu streichen zugunsten von Mocca und Cappuccino aufgegeben habe. Auch bei jedem Einkauf - außer Bücher kaufe ich sowieso total ungern ein - frage ich mich bei jedem Produkt: Really? Aber bleiben wir beim Kaffee, warum trinken wir Kaffee, wieso glauben wir, reden wir uns ein, ohne die bittere Lorke gar nicht erst wach zu sein, nicht ansprechbar, nicht gut gelaunt? Warum können wir auf die Tasse voll brauner Brühe nicht einfach mal verzichten? Das ist jetzt natürlich kein hochphilosophischer Ansatz. Aber Nicolas Dierks macht das recht geschickt, indem er eine so banale Sache nimmt und exemplarisch daran erläutert, wie man sich selbst findet, wie man an sich arbeitet, wie man einen Entschluss fasst und durchzieht.


 
"Viel zu häufig suchen wir nur die richtigen Antworten;
dabei brauchen wir die richtigen Fragen"

Das Buch ist kein Allheilmittel und will das auch gar nicht sein. Ich kaue auch 2 Wochen nach der Lektüre noch Fingernägel. Man kann gar nicht tief genug in sich selbst gehen (was übrigens eines echt leere Phrase ist und wie man es eben doch kann, da kann das Buch vielleicht helfen), um den Sachen auf den Grund zu kommen. Denn wenn ich eine Sache verändern will, bedeutet es auch immer zu schauen, was da mit dran hängt. Warum will ich etwas verändern und was wird sich mitverändern. Will ich überhaupt etwas verändern, habe ich vielleicht Angst davor?

Es gibt auch keine ‚Standart‘-Antworten auf die großen Fragen „Wer bin ich“, „Was ist das Hier und Jetzt“ und „Was ist der Sinn“? Vielmehr sehe ich in ‚Luft nach oben‘ genau das: Viel Spielraum, viel Platz zum Füllen mit meiner eigenen Erfahrung, Meinung, Fähigkeiten und den Möglichkeiten die ich mir vorstellen kann. Auch in der LeseRunde war ich diesmal nicht so überschwänglich lustig, verballhornt und voller nerdiger Zitate und Querschläger unterwegs. (Anders als das Buch selbst, was sich nicht scheut Douglas Adams zu zitieren *yeah!)



"Wenn wir unsere 'jetzige Situation' anpacken,
haben wir ein Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft."

Ich muss nicht studiert haben, um dem Autor durch die 10Kapitel folgen zu können. Nicolas war erneut im ‚Philosophie-Markt‘ und hat von jedem etwas ins Füllhorn geworfen. (Sogar Bedürfnispyramiden und Achiqar.) Und ich kann diese Ansätze alle mal probieren, mir überlegen was ich davon mag, was ich kenne und was ich sogar ‚benutze‘ ohne es zu wissen. Raus aus der Komfortzone, raus aus dem „Ich bin Opfer der Umstände“, hinein in ein ‚besseres Leben‘. Und es gibt keine Universallösung. Es gibt viele Ecken an denen man an sich selbst, seinen Gewohnheiten, seinen Umständen arbeiten könnte. Wenn man will, wenn es „Wichtig“ ist oder „Dringend“? *zwinker.

Der rote Faden stellt sich für mich als „Aktivität“ heraus. Mitdenken, umdenken, und schließlich aktiv werden ist angesagt. Dabei ist es egal, ob ich eher der Typ bin mit der Steinwüste im Vorgarten aus schwarzem und weißem Kies oder der Nachbar daneben, der auf die harte Tour gelernt hat. Ich schätze, jeder, auch wenn es uns gerade einigermaßen gut geht, hat noch ‚Luft nach oben‘. Daher kann ich das Buch so ziemlich jedem (sagen wir westliche, ach so zivilisierte Welt) Kamel, Löwen, Kind und ‚Ich‘ empfehlen.



Fazit: 
Dieses Buch sticht gelegentlich genau in die Wunde. Wenn man das ein oder andere Beispiel nur allzu gut nachempfinden kann. Manchmal sticht es auch erst hinterher, wenn man auf einmal denkt: „Oh verdammt, das bin ja ich!“ Aber das Buch und der Autor haben nicht die Absicht jemandem den Spiegel der bitteren Erkenntnis vorzuhalten, das können wir selbst tun. Er nimmt uns auch nicht an die Hand und präsentiert uns das Wissen, uns aus jeder Lage am eigenen Schopf herauszuziehen. Es gibt keine Tests, die uns sagen, wer wir sind. Es gibt nur Möglichkeiten, wie wir - ganz persönlich und spezifisch : individuell - auf uns selbst eingehen können. Wie wir ergründen können, was wir für uns (und unsere Nächsten) wollen.

Wie auch das erste Buch, beschäftigt mich die Lektüre nun schon über Wochen. Man sollte sich selbst auch die Zeit zugestehen länger zu verweilen und sich auf ein paar der Praxistipps einzulassen und auszuprobieren. Und reden. Wenn ihr die Chance habt, dieses Buch zu lesen, dann redet darüber - das eröffnet einfach mehr Betrachtungen. Mein Dank gilt der LeseRunde, deren Teilnehmer gern und viel von sich geteilt haben, ihre Ansichten, Meinungen und persönlichen Erfahrungen. Besser ist das was wir daraus für uns persönlich machen und was wir wollen, als Ziel, als Wunsch, als Möglichkeit. Scheitern und Fehler machen dürfen wir, nur sollen wir daraus auch lernen.



Zum Urteil versuche ich alle Farben des Regenbogens mit einem Bleistift wiederzugeben.
(Na gut mocca und cappuccino)
Keys Küche nach der Kaffeestrophe



dazugehöriger Titel:
#1 Was tue ich hier eigentlich?
#2 Luft nach oben




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